Es ist das wohl größte Dilemma der internationalen Klimapolitik: Während die reichen – und mächtigen – Staaten der Welt die Folgen des Klimawandels kaum spüren, fürchten die Menschen in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern wegen der Erderwärmung um ihre Existenz. Der neue Klima- und Umweltatlas der britischen Risikoanalysefirma Maplecroft bestätigt das eindrucksvoll. 32 Länder tragen den Risikoexperten zufolge ein extrem hohes Risiko künftiger Schäden. So gut wie alle befinden sich in Afrika und Südasien. 

In allen Hochrisikoländern sei auch die Ernährungssicherheit gefährdet, so Maplecroft-Sprecher Jason McGeown. "Das vergrößert die Gefahr von Konflikten und gewaltsame Unruhen." Die Folgen von Wasser- und Nahrungsmangel sowie dem Klimawandel könnten sich gerade in Ländern gegenseitig verstärken, die heute schon unter Gewalt leiden, in denen es etwa Bürgerkriege oder Terrororganisationen gebe. "So kann der Klimawandel künftige Risiken verschärfen und zu Migration und weiteren Konflikten führen." 

Für die Bewohner der Industrieländer scheint das alles weit entfernt. Doch das ist ein Trugschluss, denn in einer zunehmend vernetzen Welt treffen solche Krisen auch den reichen Westen. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist der Bürgerkrieg in Syrien. Zahreiche Syrer sind vor ihm geflüchtet, auch nach Deutschland. Der Konflikt wurde durch viele Faktoren ausgelöst. Aber Wassermangel, verursacht durch ausbleibenden Regen und Missmanagement, und die daraus resultierenden schlechten Ernten spielten nach Einschätzung von Fachleuten eine wesentliche Rolle

Zudem trifft der Klimawandel gerade die künftigen Wachstumsmärkte, warnt Maplecroft. In Asien sind das China und Indien. In Afrika gehört die Wirtschaftsmacht Nigeria zu den besonders gefährdeten Staaten.       

Schon jetzt werde ein Fünftel des wirtschaftlichen Outputs der Welt in Hochrisikoländern produziert, heißt es im Klima-Atlas. Weil diese Länder viel stärker wachsen als die alten Industrienationen, werde der Anteil in Zukunft sogar noch steigen. Wer immer vom Boom profitieren und etwa in China oder Nigeria investieren wolle, müsse künftig mit höheren Klimarisiken rechnen, schreibt Maplecroft. Ganz konkret bedeute das: Die Folgen des Klimawandels beeinflussten den Betrieb der Fabriken, die Verlässlichkeit der Zulieferer und die Stabilität der lokalen Absatzmärkte.

Jenseits von wirtschaftlichen Interessen gilt aber auch: Arme Länder können sich besonders schlecht gegen die Folgen des Klimawandels wappnen. Zum Beispiel im ohnehin krisengeschüttelten Westafrika, wo sich Ebola seit Monaten nahezu ungehindert ausbreitet. Ein Brennpunkt der Epidemie ist Sierra Leone. Es ist eines der ärmsten Länder der Welt, das gerade begonnen hatte, sich von einem langen Bürgerkrieg zu erholen. Dem Risikoatlas zufolge ist der Klimawandel für Sierra Leone so gefährlich wie für kaum ein anderes Land.