Eigentlich stand der Termin schon fest. Am Donnerstag der kommenden Woche wollte Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) einen entscheidenden Durchbruch hin zu besseren Arbeitsbedingungen in der deutschen Textilindustrie verkünden. Ein "Textilbündnis" gegen Ausbeutung und Umweltzerstörung, an dem auch die deutsche Bekleidungsindustrie teilnehmen sollte. Müller treibt das Thema der besseren Arbeitsbedingungen in der Branche seit seinem Amtsantritt voran. Erst zuletzt ließ er wissen, dass "aus Sicht der Menschenrechte, auch der Würde der Arbeitnehmer" ein Fehlen von gewissen Mindeststandards in den Textilfabriken nicht hinnehmbar sei. Als warnendes Beispiel nannte er immer wieder den Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch, bei dem vor rund einem Jahr mehr als 1.100 Menschen gestorben waren.  

Nun aber wird es zu der Allianz wohl nicht kommen. Denn wenige Tage vor der Gründung des Bündnisses sind sowohl der Handelsverband Deutschland (HDE) als auch der Gesamtverband Textil- und Modeindustrie (t + m) abgesprungen. Beide machten zwar öffentlich klar, dass sie im Wesentlichen die Ziele des Bündnisses teilten. Dennoch sei eine nationale Regelung, wie Müller sie plant, falsch. "Eine lückenlose Überwachung sämtlicher Produktionsstufen vom Baumwollfeld bis zum Bügel ist unrealistisch", erklärte  AVE-Hauptgeschäftsführer Jan Eggert. Ähnlich äußerte sich der HDE-Chef Stefan Genth. Die Wirtschaft habe zwar an den Vorarbeiten für das Bündnis teilgenommen. Der Plan aber sei in seiner Form nicht "entscheidungsreif".   

Müller verfolgt mit dem Bündnis das Ziel, soziale und ökologische Mindeststandards zu erreichen. Er möchte dafür Unternehmen, Verbände und Nichtregierungsorganisationen mit einbeziehen. Das Konzept sieht unter anderem ein Verbot von Zwangsarbeit, menschenwürdige Löhne, Sicherheitsstandards und ein Verzicht auf besonders schädliche Pflanzenschutzmittel vor. Wer gegen diese Richtlinien verstößt, muss vorerst jedoch nicht mit Konsequenzen rechnen.

Eben diesen lockeren Umgang mit den Regeln, kritisiert die Bundestagsabgeordneten Renate Künast (Grüne). Ihr ist der Plan des Entwicklungsministers nicht ehrgeizig genug. "Minister Müller hat es versemmelt", sagte Künast. Mit seiner Strategie, beim Textilbündnis alles freiwillig und nur für den deutschen Markt regeln zu wollen, sei Müller beim Handel aufgelaufen. Besser wäre ein EU-weiter Ansatz mit Regelungen für alle Textil-Exporte, kritisierte Künast.

Auch der Gesamtverband der deutschen Modeindustrie und der Verband German Fashion kündigten an, sie würden sich an dem Bündnis nicht beteiligen. Zur Begründung hieß es von den beiden Verbänden, einige Forderungen des Aktionsplans seien nicht realisierbar. "Dies betrifft insbesondere die Durchsetzung in Deutschland üblicher Sozialstandards weltweit außerhalb der eigenen Unternehmen sowie den Verzicht auf einige unersetzbare chemische Stoffe", hieß es seitens der Verbände.

Müller will seine Pläne dennoch am Donnerstag  vorstellen. "Wir sind bis zum Schluss mit allen Akteuren im Gespräch und werden das Textilbündnis am Donnerstag starten", sagte eine Sprecherin des Bundesentwicklungsministeriums.