In Mannheim hatten sie schon vor ein paar Jahren den richtigen Riecher. Als die dortige Universität 2011 Ehrendoktortitel verlieh, sagte Wirtschaftsprofessor Martin Peitz, er wäre nicht überrascht, diesen Namen einmal wiederzusehen: Auf der Vorschlagsliste für den nächsten Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften – die Rede war von Jean Tirole. Der Ökonom ist in der Fachwelt hochgeschätzt, aber vielen auch wirtschaftlich interessierten Menschen gänzlich unbekannt.

Denn Tirole ist einer dieser arbeitswütigen Wissenschaftler, die für echte Erkenntnis sorgen  – aber nur wenige knackige, leicht verständliche und greifbare Thesen liefern. Im Dauerfeuer von Leitartikeln, News-Aufmachern und Talkshowdebatten bleiben sie ungehört. Doch jetzt würdigte die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften den Wirtschaftsprofessor aus Toulouse: Sie verleiht ihm für seine Forschungen über Marktmacht und Regulierung den Preis der Schwedischen Reichsbank für ökonomische Forschung in Gedenken an Alfred Nobel.

Wer sich Tirole nähert, dem fällt ein Missverhältnis auf. Der Spitzenforscher ist nur in Fachkreisen bekannt, doch das Stockholmer Komitee nennt ihn einen "der einflussreichsten Ökonomen unserer Zeit". Wie passt das zusammen?

Einer, der diesen vermeintlichen Widerspruch erklären kann, ist Ernst-Ludwig von Thadden. Der Rektor der Universität Mannheim kennt Tirole so gut wie kaum ein deutscher Ökonom; seit den frühen neunziger Jahren sind die beiden in engem Kontakt. Von Thadden sieht es so: Während andere, gerade die bei Nobelpreisen dominierenden US-Ökonomen "eine gewaltige Sache" entdeckt hätten, bearbeite Tirole sehr viele Gebiete. Das mache er mit einer enormen Gründlichkeit. "Er möchte den Markt verstehen und wissen, warum die Dinge wie funktionieren", erklärt von Thadden. 

Wo ist der Markt vollkommen?

Tirole zerlegt die Märkte in ihre einzelnen Bestandteile – einem Uhrmacher ähnlich, der mit feiner Pinzette die Räder eines verzweigten Uhrwerks seziert. Das bringt: Verständnis. Wo ist der Markt unvollkommen? Wo wird manipuliert, wo eingegriffen? Wer hat welche Informationen? Was es nicht bringt: die eine große These, die sich auf ein paar Wörter zusammenfassen lässt. "Das hat ihm gelegentlich in den USA den Ruf eingebracht, nicht originell genug für den Nobelpreis zu sein", meint von Thadden. "Aber das ist Unsinn, denn er hat gleich mehrere Durchbrüche erzielt, die jeder für sich schon preiswürdig sind."

Diese stille Arbeit wird in den Medien selten gehört, sie ist deshalb aber nicht minder einflussreich. "Die Erkenntnisse beeinflussen, wie wir Regulierung und Wettbewerbspolitik heute denken", ist sich auch Tomaso Duso sicher. Er leitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Abteilung "Unternehmen und Märkte". Die Frage, ob der Staat bei Monopolen oder wenigen dominierenden Unternehmen eingreifen sollte, sei vor wenigen Jahren noch vor allem von Juristen beantwortet worden. Jetzt greife die Denke Tiroles.

Seien es Telekommunikationskonzerne oder IT-Riesen wie Google oder Microsoft: Wie ein Markt wirklich funktioniert, verstehen Regulierer und Fachleute heute auch dank der Erkenntnisse von Tirole. Er hat gezeigt, dass jeder Markt völlig unterschiedlich funktionieren kann – und deshalb auch ganz anders behandelt werden muss. Das mag banal klingen, ist für die Wirtschaftswissenschaft aber revolutionär. Was Tirole an Erkenntnissen zutage gefördert hat, rüttelt an den Grundfesten, nach denen Fachleute und Politiker Wirtschaft interpretieren und lenken wollen.

"Die einfachen Lösungen sind oft nicht die besten"

Denn das grundsätzliche Verständnis von Märkten funktioniert bis heute relativ holzschnittartig: Grundsätzlich ist der Wettbewerb dem Monopol vorzuziehen; grundsätzlich sorgt ein dominierendes Unternehmen für überhöhte Preise und miese Produkte. Per Strömberg, Mitglied der Stockholmer Wissenschaftsakademie, sagt: "Tirole hat Wege erforscht, den Wettbewerb in diesen Märkten auf die absolut beste Art und Weise zu regulieren" – und zwar nicht mit einer Lösung für alle. "Tirole denkt neu", sagt von Thadden anerkennend.

Der Franzose hat Standardwerke für die Ökonomen-Ausbildung geschrieben und immer wieder Menschen beeinflusst, die seine Denke weiterleben. Massimo Motta, Chefökonom bei der EU-Kommission in Brüssel, hat einst bei ihm gelernt. Tiroles Forschung hilft Wettbewerbsbehörden weltweit bei ihrer Arbeit. "Ob sie über Preisdumping oder Exklusivverträge urteilen müssen oder entscheiden müssen, ob sie eine Fusion zweier Unternehmen erlauben – in all solchen Situationen hat Tiroles Arbeit großen Einfluss", sagt Wirtschaftsprofessor Strömberg. Tiroles Botschaft: "Die einfachen Lösungen sind oft nicht die besten."