Russlands Präsident Wladimir Putin zu Besuch beim Staatskonzern Rosneft (Archiv) © Reuters

Es ist ein gigantischer Rohstoffschatz. Im sibirischen Wankor, rund 4.000 Kilometer östlich von Moskau, liegt eines der größten Öl- und Erdgasfelder Russlands. In den kommenden zehn Jahren müssen hier mindestens 60 Milliarden Euro investiert werden, um das Feld zu erschließen. Doch der staatliche Energiekonzern Rosneft, dem das Feld gehört, ist finanziell angeschlagen. Seit Monaten spricht Rosneft-Chef Igor Setschin ganz offen über die Finanzprobleme, bittet um staatliche Hilfe. Die Sanktionen des Westens treffen das Unternehmen hart.

Nun sucht der Staatskonzern nach neuen Partnern. Der jüngste Coup: Warum steigen nicht die Chinesen ein? Es wäre ein Novum: Eigentlich will Russland ausländische Investoren nicht an wichtigen und großen Lagerstätten beteiligen. Und laut dem Gesetz über Bodenschätze zählt Wankor zu einem strategischen Vorkommen, das komplett in russischer Hand bleiben soll.

Im Kreml wird der Vorschlag trotzdem wohlwollend aufgenommen. Russlands Präsident Wladimir Putin klang Anfang September nahezu euphorisch: "Insgesamt verhalten wir uns gegenüber dem Zugang (zu wichtigen Lagerstätten, Anm. d. Red.) unserer ausländischen Partner sehr vorsichtig, aber für unsere chinesischen Freunde gibt es keine Einschränkungen." Die liberale Opposition warnt dagegen vor einem Ausverkauf Russlands an China.

Eine neue Art der Freundschaft

Die Offerte an China reiht sich ein in eine Serie von Geschäften zwischen Moskau und Peking, die in den vergangenen Monaten vereinbart wurden. Seit der Krim-Krise und den Wirtschaftssanktionen des Westens gegenüber Russland ist eine fast hektische Handelsdiplomatie zwischen den beiden Nachbarländern entstanden. Der erste Auslandsbesuch Putins nach Annexion der Krim führte Putin nach China. Mehr als 50 Vereinbarungen aus den verschiedensten Bereichen – vom Energiesektor über den Lebensmittelhandel bis zur Rüstungsindustrie – unterzeichneten Putin und Chinas Präsident Xi Jinping. Mitte Oktober reiste dann Ministerpräsident Li Keqiang nach Moskau, 30 weitere Abkommen wurden unterzeichnet. Am 10. November will Putin wieder nach Peking reisen.

Die russischen Medien bejubeln die neu entdeckte Freundschaft: China lasse Russland in diesen schwierigen Zeiten, in denen sich der Westen von Moskau abwende, nicht im Stich. Tatsächlich aber geht es China nicht um eine neue Völkerfreundschaft, sondern um den ökonomischen Vorteil. Und russische Unternehmen brauchen dringend Investitionen, russische Banken brauchen frisches Geld, russische Energiekonzerne brauchen neue Absatzmärkte. 

Russland wird über den Tisch gezogen

Diese finanzielle und ökonomische Not weiß China zu seinem Vorteil einzusetzen. Das zeigt etwa der "Deal des Jahrhunderts" – wie der Gasvertrag zwischen dem russischen Gazprom und der chinesischen CNPC. Zehn Jahre lang hatten sich die Verhandlungen hingezogen, weil sich die Staaten nicht einigen konnten. Im Frühjahr dann wurde es plötzlich hektisch: In nur wenigen Tagen wurde der Liefervertrag über russischen Gas an China, der für 30 Jahre gilt, zum Abschluss gebracht. 

Russland erhält zwischen 350 und 360 Dollar für jeden Kubikmeter. Fachleute sagen, dass Russland in einer anderen geopolitischen Situation einen weit höheren Preis hätte verhandeln können. "China ist der wahre Gewinner dieses Deals", schreibt der Energieexperte Ilya Zaslavskiy in einer Analyse des britischen Thinktanks Chatham House. "Indem China Gazprom den gleichen Preis aufgezwungen hat, den es auch für Gas aus Zentralasien und Myanmar zahlt, stärkt es seine Position als regionaler Preissetzer."

Ähnlich strategisch geht auch China im russischen Bankensektor vor. Wegen der westlichen Sanktionen haben mehrere Institute großen Finanzierungsbedarf. China hilft gerne: Die chinesische Export-Import-Bank, eine staatliche Förderbank, unterstützt russische Banken wie die VTB, die Wneschekonombank und Rosselchosbank mit mehr als vier Milliarden Dollar. Auch hier gibt es eine entscheidende Bedingung: Das Geld darf ausschließlich in russisch-chinesische Projekte investiert oder für die Importe aus China ausgegeben werden.