ZEIT ONLINE: Frau Rasmusson, fühlen Sie sich manchmal wie Gott?

Elisabeth Rasmusson: Nein, warum?

ZEIT ONLINE: Die Welt ist mit so vielen schweren Krisen konfrontiert wie nie zuvor. Ihre Organisation, das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) zählt alleine fünf Krisen der schlimmsten Stufe...

Rasmusson: Das ist richtig, in Syrien, dem Irak, dem Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik und in der Ebola-Region Westafrikas. So viele Level-3-Krisen gab es noch nie.

ZEIT ONLINE: Es ist nicht genug Geld für alle da. Entscheiden zu müssen, wer Hilfe erhält und wer nicht, muss sich auf eine makabre Art so anfühlen, als spiele man Gott.

Rasmusson: Nun, tatsächlich entscheiden weitgehend unsere Geldgeber, wohin die Hilfe fließt, und nicht wir, da wir keinerlei festes Budget haben. Sie geben für einen bestimmten Zweck, etwa für den Kampf gegen Ebola, oder für die Nothilfe in einem bestimmten Land. Nur über rund zehn Prozent der Spenden können wir frei verfügen. Ein Komitee, dem ich auch angehöre, entscheidet, was mit diesem Geld passiert. Oft führen wir sehr intensive Diskussionen darüber. Am Ende fällt die Entscheidung aber nach klaren Kriterien.

ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret? Wenn zum Beispiel Syrien im Fokus der Öffentlichkeit steht, aber niemand über den Südsudan berichtet, obwohl die Not dort genauso groß ist: Fließt das freie Geld dann in den Südsudan?

Rasmusson: Es geht dorthin, wo die Not am größten ist. Das kann in der Tat auch in einer weniger schweren Krise der Fall sein, auf die niemand schaut. Oft fließen die freien Mittel dorthin. Wir werben parallel bei den Geldgebern um Spenden für alle großen Hilfsaktionen, wie sie im Südsudan, in der Zentralafrikanischen Republik oder in Syrien nötig sind.

ZEIT ONLINE: Weil das Geld knapp ist, hat das WFP am Dienstag angekündigt, die Nothilfe für die syrischen Flüchtlinge stark zu kürzen. Welche Konsequenzen hat das?

Rasmusson: Die Flüchtlinge haben nicht mehr genug zu essen. Vor drei Wochen war ich in Syrien und im Libanon. Dort habe ich mit vielen Frauen gesprochen. Ich habe sie gefragt: Was werdet Ihr tun, wenn wir Euch und eure Familien nicht mehr mit Nahrung versorgen können? Sie wussten es nicht. Am Ende sagten sie nur: Unser Leben ist in Gottes Hand.

ZEIT ONLINE: Sie haben keine Alternative?

Rasmusson: Nein. Sie haben keine Möglichkeit zu arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Viele hatten ihren Familienschmuck oder andere Wertgegenstände aus Syrien mitgebracht. Aber mittlerweile ist alles verkauft. Im Libanon gibt es keine Flüchtlingslager. Das heißt, die Flüchtlinge müssen Miete zahlen. Sie sind in einer verzweifelten Lage, und um sie zu bewältigen, müssen sie zu den schlimmsten Mitteln greifen.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Rasmusson: Die Kriminalität steigt, junge Mädchen sind gezwungen, sich zu prostituieren und radikale Gruppen rekrutieren ihren Nachwuchs gerade unter den besonders armen Flüchtlingen.

ZEIT ONLINE: Das bedeutet, durch die Not der Flüchtlinge wird die ganze Region weiter destabilisiert.

Rasmusson: Eindeutig. Ich bin keine Politikerin, ich leiste Nothilfe, und um das zu können, muss ich absolut neutral bleiben. Deshalb werde ich keine Partei ergreifen. Aber ich kann sagen, dass die Not natürlich Auswirkungen auf die ganze politische Lage der Region hat. Hungrige, verzweifelte Menschen tragen nicht zur Stabilisierung eines Landes bei. Man muss kein Experte sein, um das zu verstehen.

ZEIT ONLINE: Sehen sie eine Chance, dass die Geberländer doch noch mehr Geld für Syrien erübrigen?