So einen Affront muss man erst einmal schaffen. Am vergangenen Freitag brüskierte die gesammelte Modebranche Deutschlands kurzerhand Entwicklungshilfeminister Gerd Müller: Der will eigentlich an diesem Donnerstag ein "Bündnis für nachhaltige Textilien" präsentieren. Es soll zeigen, dass die Modebranche gewillt ist, sich nach dem verheerenden Unglück in der Textilfabrik Rana Plaza 2013 zu ändern. 1.100 Menschen kamen damals ums Leben, noch immer warten Opfer auf Entschädigungen.

Müllers Pläne sind ehrgeizig, manch ein Kritiker nennt sie naiv. Er will ein Siegel, das die deutsche Textilbranche auf höhere Öko- und Sozialstandards verpflichtet. Und: Besonders giftige Chemikalien soll die Textilbranche durch umweltfreundlichere Stoffe ersetzen.

Und was sagt die Branche? Nicht mit uns. Der Handelsverband Deutschland teilt mit, der Aktionsplan sei "noch nicht entscheidungsreif". Der Modeverband GermanFashion verschickt eine Pressemitteilung, die in der Betreffzeile noch frohlockt: "Deutsche Textil- und Modeindustrie teilt Ziele des 'Bündnisses für nachhaltige Textilien'". Im dritten Absatz aber heißt es, man wolle nicht Partner des Bündnisses werden. Eine Reihe von Forderungen sei "nicht realisierbar"; etwa die "Durchsetzung in Deutschland üblicher Sozialstandards weltweit außerhalb der eigenen Unternehmen sowie den Verzicht auf einige unersetzbare chemische Stoffe".

Nicht realisierbar, soso. Ein Blick auf die Detox-Kampagne von Greenpeace könnte helfen. Schon jetzt haben sich 20 große internationale Modekonzerne verpflichtet, genau die Standards einzuhalten, die auch Müller gerne hätte. Ein Detox-Ziel ist es etwa, bis 2020 auf den Einsatz aller giftigen Chemikalien zu verzichten. Zara ist dabei, sogar die Billigbillig-Kette Primark. Adidas will etwa in den kommenden zwei Jahren auf 99 Prozent der perfluorierten Chemikalien (PFC) verzichten. Puma ist ebenfalls der Detox-Kampagne beigetreten. Beide Unternehmen haben ihren Sitz in Deutschland, lieber Branchenverband. 

Und wie sieht es aus bei Sozialstandards? "Existenzsichernde Löhne", das ist das Ziel der Müller'schen Initiative. Die Modebranche redet sich heraus. Man betreibe keine eigenen Fabriken in den Ländern und habe daher "nur geringen Einfluss auf die Produktionsbedingungen".

Mit Verlaub: Das ist Quatsch. Natürlich haben die Unternehmer Einfluss auf die Arbeitsbedingungen vor Ort. Genau das hat das Unglück von Rana Plaza gezeigt: Dutzende westliche Modekonzerne haben mittlerweile das (kostentreibende) Brandschutzabkommen unterzeichnet. Und es wird kontrolliert, ob die Produzenten die Mindeststandards auch einhalten.

Verbesserungen müssen außerdem nicht immer Wettbewerbsnachteile mit sich bringen. Eine Studie zeigt, dass sich allein der Wassereinsatz in der Textilproduktion um die Hälfte reduzieren lässt, der Energieeinsatz um rund 40 Prozent. Wer hier spart, der kann an anderer Stelle drauflegen. 

Keine Frage; das Thema ist extrem komplex. 140 Firmen sind nach Branchenangaben allein bei der Produktion und Lieferung eines simplen Männer-Oberhemds beteiligt. Aber die Branche stiehlt sich aus der Verantwortung, wenn sie dies als Vorwand nimmt, sich nicht um die Arbeiter vor Ort zu kümmern.