Das Internet reagierte auf eigene Weise auf das Outing des Apple-Chefs: "CEO von Apple, Tim Cook, gibt bekannt, dass er schwul ist. Jetzt warten wir darauf, dass der Samsung-Chef bekannt gibt, er sei noch viel schwuler", schrieb der Instagram-Nutzer "Fuckjerry" in Anspielung auf die ewige Rivalität der beiden Technologiekonzerne. Und sofort wurde der Post mehr als 50.000-mal geteilt.

In einem Essay hatte Apple-Chef Tim Cook kurz zuvor seine Homosexualität öffentlich gemacht. Zwar galt die längst als offenes Geheimnis; erst vor wenigen Wochen spekulierte sogar die New York Times, warum der Apple-Boss sich nicht endlich äußere. Dennoch feierten Unterstützer Cook für seinen Mut und die Entscheidung als wichtigen Schritt für die ganze Bewegung. Er sei stolz darauf, schwul zu sein, schrieb der 53-Jährige, und die Homosexualität sei eines der größten Geschenke, die Gott ihm gemacht habe. Natürlich, schrieb der Apple-Chef weiter, habe er das Glück, in einem Unternehmen zu arbeiten, das Kreativität und Innovation auf allen Ebenen schätze und die Unterschiede seiner Mitarbeiter als Bereicherung sehe – ein Glück, das nicht jeder habe.

Tatsächlich ist es längst nicht selbstverständlich, in der Technologiewelt offen schwul zu leben. Das Silicon Valley sei noch immer stark geprägt von Macho-Gehabe und Männlichkeits-Attitüden, sagt Jonathan Lovitz von Startout, einer Initiative, die vor allem homosexuelle Unternehmer fördert. Als junger homosexueller Mensch, der dabei sei herauszufinden, was er mit seinem Leben anfangen wolle, habe man unzählige Vorbilder in der Musik- oder Filmbranche. "Aber einen offen schwulen CEO zu finden, noch dazu eines Technologieunternehmens, war bislang unmöglich", sagt Lovitz. Zahlreiche Mitglieder seines Netzwerks hätten in der Vergangenheit für die großen Namen im Silicon Valley gearbeitet. "Sie hatten einfach nie das Gefühl, wirklich dazuzugehören und eine starke Stimme zu haben."

Beispiele dafür finden sich jedoch nicht nur in den großen Unternehmen, sondern auch auf den Coding-Veranstaltungen, auf denen der Nachwuchs seine Ideen präsentiert. Im vergangenen Jahr stellten die australischen Programmierer Jethro Botts und David Boulton auf der Disrupt-Konferenz in San Francisco ihre App Titstare vor. Gezeigt werden darauf Bilder von Männern, die auf Brüste starren. Entwickelt haben die beiden Macher das Programm auf dem zur Konferenz gehörenden Hackathon und erklärten in ihrer kurzen Präsentation stolz: Es sei der "breast hack ever".

Auf derselben Veranstaltung entstand CircleShake, eine App, die misst, wie schnell man sein Smartphone schütteln kann. Um sein Programm zu demonstrieren, tat der Programmierer so, als masturbiere er. Im vorwiegend männlichen Publikum kamen beide Ideen gut an. Die Veranstalter entschuldigten sich später für die "geschmacklosen Präsentationen". Dennoch: Die Technologiebranche, sagt Jonathan Lovitz, sei eben noch immer fest in der Hand von "white male dudes", von weißen Typen. 

Das macht es für alle anderen schwer, Fuß zu fassen. Selbst viele Investoren schrecken noch immer davor zurück, ihre Gelder in Apps zu stecken, die sich ausdrücklich an Schwule oder Lesben richten. Und die Programmierer der Anwendungen müssen sich bei Präsentationen oft als erstes fragen lassen, ob sie denn selber schwul oder lesbisch seien. Bei Tech-Treffen, erzählt Sean Howell, Gründer der schwulen Dating-App Hornet, stünden die "Bro dudes" noch immer in der einen, die Geeks in einer anderen Ecke – für Schwule und Lesben gebe es bislang oft keinen Platz. Auch die Kollegen im eigenen Start-up seien häufig noch immer "überrascht" angesichts der Möglichkeit, dass ein Kollege schwul sei. Viele wüssten schlicht nicht, wie sie sich politisch korrekt verhalten müssten.  

Doch langsam öffnet sich auch die verschlossene Welt des Silicon Valley. "Inzwischen haben wir in allen Ecken der Tech-Welt einflussreiche Vertreter", erklärt Jonathan Lovitz. Megan Smith, ehemals Chefin von Googles Experimentiersparte Google X und seit wenigen Wochen als Chief Technology Officer für die Internet-Strategie der USA verantwortlich, macht aus ihrer Sexualität ebenso wenig ein Geheimnis wie Peter Thiel, einer der einflussreichsten Investoren des Silicon Valley, ohne den es Firmen wie den Bezahldienst Paypal und Facebook nach einhelliger Meinung im Technologie-Tal nicht geben würde.

Auch die Unternehmen selbst versuchen, dem homo-unfreundlichen Image des Silicon Valley entgegenzutreten und zeigen offen Flagge. Bei der Gay Parade in San Francisco im Sommer liefen Netflix-Angestellte mit T-Shirts der hauseigenen Serie Orange Is the New Black, die in einem amerikanische Frauengefängnis spielt und immer wieder Homosexualität thematisiert. Der Biotech-Konzern Genentech verkündete auf seinen T-Shirts: "Pride is in our Genes" – Stolz ist in unseren Genen. Und bei Facebook hieß es "Pride connects us", während die schwulen und lesbischen Kollegen bei Google unter dem Spitznamen "Gayglers" marschierten.

Apple mischte sich in politische Debatten ein

Auch Apple selbst setzt sich ebenfalls seit Jahren für die Rechte von Schwulen und Lesben ein. Im Vorfeld der Abstimmung in Kalifornien über Proposition 8, einem Gesetzeszusatz, der die Ehe als Bündnis zwischen Mann und Frau zementieren sollte, positionierte sich der Konzern offen gegen den Vorschlag. Auch in Arizona griff Apple Anfang des Jahres in die Debatte ein, als der Bundesstaat ein Gesetz diskutierte, das Geschäften die Möglichkeit gegeben hätte, Kunden aufgrund ihrer sexuellen Orientierung abzuweisen.

Dennoch, sagt Sean Howell, sei der Weg noch weit. Auch wenn die meisten großen Unternehmen sich inzwischen für die Rechte von Schwulen und Lesben engagierten, würden viele Mitarbeiter im Alltag noch immer auf Diskriminierung stoßen. "Vielleicht haben sie inzwischen Gesundheitsprogramme für gleichgeschlechtliche Paare im Arbeitsvertrag. Aber gleichzeitig gibt es überall noch Manager, die konservative Organisationen unterstützen." Brendan Eich, Co-Gründer und frisch berufener Vorstandschef des Internetunternehmens Mozilla, war im Frühjahr über eine private Spende gestolpert, mit der er Jahre zuvor die Gesetzesinitiative Proposition 8 unterstützt hatte. Nachdem die Spende bekannt wurde und eine Entschuldigung ausblieb, forderten Aktivisten, Investoren und die eigenen Angestellten den Kopf des Mozilla-Chefs. Mit Erfolg: Nach nur zwei Wochen im Amt trat Eich zurück.

Entsprechend könne die Wirkung des Outings von Tim Cook für die Technologiebranche gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, sagen viele Kenner. Dass er nach seinem Statement umgehend zum Tagesgeschäft zurückkehre, mache den Schritt dabei umso beeindruckender.