Siebeneinhalb Monate nach der Verurteilung von Uli Hoeneß liegt die detaillierte Urteilsbegründung jetzt der Öffentlichkeit vor. Nach Ablauf einer Stellungnahmefrist für die Verteidiger des früheren Präsidenten des FC Bayern München machte das Landgericht München II das 50-seitige Dossier in teilweise anonymisierter Form publik. In der Lektüre wird die Kriminalgeschichte von Ulrich H. nochmals in allen Details nacherzählt: vom Beginn mit teils hochriskanten Devisenspekulationen in den 1990er Jahren über mehrfache Steuerhinterziehung in Millionenhöhe bis hin zu Hoeneß' Verurteilung. 

Es ist keine gängige Praxis in Deutschland, dass Urteile veröffentlicht werden. Das Gericht musste zwischen den Persönlichkeitsrechten von Hoeneß und dem öffentlichen Anspruch auf Veröffentlichung des schriftlichen Urteils abwägen. Im Fall des einstigen Fußball-Patriarchen entschieden sich die Juristen für ein Signal der Transparenz, wenn auch mit Einschränkungen. Wer nicht eingelesen ist, verliert schnell den Überblick, denn die Rede ist etwa von einem Zeugen T., einem Magazin F., einem Journalisten Z. oder einem Oberamtsrat U. und einem Finanzamt M.; auch Zahlen sind teilweise nicht exakt einzusehen. Grund seien der Persönlichkeitsschutz und das Steuergeheimnis, hieß es beim Oberlandesgericht München.

Allerdings enthält das Papier durchaus interessante Passagen: So schloss das Gericht nicht aus, dass Hoeneß auch "Fremdmittel in erheblicher Höhe" zur Verfügung gestanden hätten. In manchen Jahren hob er teils sechsstellige Eurosummen ab.

Einblicke gewährt die Urteilsbegründung auch in die von Hoeneß' letztlich als unzureichend befundene Selbstanzeige. Zitiert wird das Schreiben von Hoeneß' damaligem Steuerberater ans Finanzamt vom 17. Januar 2013: "Die Selbstanzeige war für unseren Mandanten unumgänglich, da das beabsichtigte Steuerabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Schweiz nicht zustande gekommen ist." Weiter heißt es: "Selbstverständlich bieten wir Ihnen an, nach Eingang der Bankbelege die Überprüfungsmöglichkeit so einfach wie möglich zu gestalten." Tatsächlich tauchten entscheidende Unterlagen jedoch erst kurz vor dem Prozess auf, die letzten wichtigen Daten erst fünf Tage vor dem Beginn. 

Geradezu ans Messer geliefert

Der Brief war der Startschuss der Steueraffäre Ulrich H., wie damals auch die Richter befanden: "Der Angeklagte hat sich mit seiner – überstürzten – Selbstanzeige selbst steuerstrafrechtlichen Ermittlungen ausgeliefert." Mangels einer Rechtshilfe in Fällen einfacher Steuerhinterziehung wären die Ermittlungen den Angaben zufolge nicht mit einem solchen Erfolg geführt worden, wenn "sich der Angeklagte durch seine – insbesondere zuletzt – rückhaltlose Kooperation nicht geradezu 'ans Messer geliefert' hätte".

Am 13. März war Hoeneß wegen Steuerhinterziehung von insgesamt 28,5 Millionen Euro dann zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden. Inzwischen durfte der 62-Jährige allerdings schon zweimal Ausgang vom Gefängnis genießen. Wann er Freigänger wird und damit tagsüber außerhalb der Haftanstalt arbeiten darf, verraten die Justizbehörden noch nicht. Allgemein wird erwartet, dass es schon bald so weit ist.
Dann müsste Hoeneß nur nachts zum Schlafen hinter Gitter. Mehrtägige Abwesenheiten oder gar Auslandsreisen kommen allerdings nicht infrage – dazu zählen dann auch die Champions-League-Trips des FC Bayern.