Die Meldungen tauchen so regelmäßig auf wie früher das Ungeheuer von Loch Ness, und sie ziehen immer die gleichen Kommentare und Klagen von Sozialverbänden nach sich: Die Altersarmut in Deutschland steigt angeblich spürbar. Belegt wurde diese These jetzt wieder einmal mit Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Danach ist der Anteil der über 65-Jährigen, die von Armut bedroht sind, in West- und Ostdeutschland seit 2011 jeweils um 1,1 Prozentpunkte gestiegen. 14,8 Prozent der Rentner in den alten und 12,5 Prozent in den neuen Ländern haben demnach weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung.

Davon abgesehen, dass dieser vermeintlich alarmierende Trend einer allgemeinen Entwicklung folgt und die amtliche Armutsdefinition umstritten ist, hängt die Interpretation und Wertung der Zahlen wie immer von den Vergleichsgrößen ab. Denn auch wenn der Anteil der Rentner mit geringem Einkommen in den vergangenen Jahren zugenommen hat, liegt er immer noch unter dem gesamtgesellschaftlichen Niveau: In der Gesamtbevölkerung ist nach den zugrunde liegenden Zahlen des Mikrozensus jeder Sechste von Armut bedroht – 0,5 Prozentpunkte mehr als vor drei Jahren und mehr als in der Gruppe der Senioren.

Noch deutlicher ist der Unterschied, wenn man andere Altersgruppen betrachtet. So ist das Armutsrisiko bei den unter 18-Jährigen, besonders aber unter den 18- bis 25-Jährigen wesentlich höher als bei den Rentnern: Von den jungen Berufstätigen bekommt jeder Vierte weniger als das Durchschnittseinkommen. Und auch unter den 25- bis 50-Jährigen, die vielfach Familien und Kinder zu versorgen haben, liegt der Anteil der Geringverdiener kaum unter dem der angeblich so armen Alten.

Das Rentenniveau sinkt

Wesentlich schwieriger ist zudem die Situation von Alleinerziehenden. Von ihnen sind nach der amtlichen Statistik 43 Prozent von Armut bedroht – mehr als dreimal so viel wie unter den Alten. Bei Paaren mit drei und mehr Kindern sind es 24,3 Prozent. Nicht das Alter, sondern Kinder sind also unverändert das größte "Armutsrisiko" in Deutschland. Noch.

Denn das wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ändern. Und das ist politisch so gewollt: Da die Zahl der Ruheständler steigt und die der Berufstätigen sinkt, wird das Rentenniveau bis zum Jahr 2030 auf 43 Prozent des Netto-Durchschnittslohns gesenkt. Die ersten Anzeichen zeigen sich jetzt. Doch die vollen Auswirkungen dieser Politik werden erst die künftigen Rentner spüren: die, die jetzt die Beiträge zahlen für eine Rentnergeneration, der es im Schnitt finanziell so gut geht wie keiner vor und keiner nach ihr. Und der die schwarz-rote Koalition gerade erst die Rente mit 63 beschert hat – ebenfalls auf Kosten der jetzigen Beitragszahler und künftigen Rentner.

Wie gesagt: Es kommt immer darauf an, wie man Zahlen betrachtet. Und ob man bereit ist, sich von lieb gewordenen, aber falschen Vorstellungen zu lösen.