Das Atomkraftwerk Three Mile Island in Pennsylvania/USA, wo sich 1979 ein Störunfall ereignete (Archiv) © REUTERS/Jonathan Ernst

Das Jahr 1969 ist das Jahr der Mondlandung. Elvis Presley ist der King of Rock 'n' Roll, in Ostberlin wird am Alexanderplatz der Fernsehturm eröffnet. Und in New Jersey geht am 23. September 1969 zum ersten Mal das Atomkraftwerk Oyster Creek ans Netz.

45 Jahre später, im Jahr 2014, ist Oyster Creek noch immer am Netz. Es ist das älteste, aktive Atomkraftwerk in den USA. Die Technik, ein Siedewasserreaktor, stammt sogar aus den fünfziger Jahren. In der Regel erhalten AKW in den USA für 40 Jahre eine Betriebslizenz. 2009 verlängerte die Aufsichtsbehörde die Lizenz aber noch einmal um 20 Jahre. Exelon, der Betreiber des Atomkraftwerks, will das AKW trotzdem schon im Jahr 2019 vom Netz nehmen. Theoretisch hätte Oyster Creek jedoch 60 Jahre lang Strom produzieren dürfen.

Die USA unterhalten die älteste AKW-Flotte der Welt. Genau einhundert Meiler sind nach Angaben der Internationalen Energieagentur IEA zurzeit am Netz. Durchschnittsalter: 33 Jahre. In der EU sieht es nicht besser aus, der Altersdurchschnitt liegt bei 29 Jahren.

Noch immer ist Atomkraft vor allem eine Energie der etablierten Industrienationen: 80 Prozent der weltweit installierten Leistung steht in OECD-Staaten. Mehr als drei Viertel gingen vor einem Vierteljahrhundert ans Netz. In der Regel sind sie auf eine Laufzeit von 40 Jahren ausgelegt. 

Aufgrund ihres hohen Alters müssen nach Angaben der IEA bis zum Jahr 2040 weltweit 200 Atomkraftwerke abgeschaltet werden – knapp die Hälfte aller laufenden AKW. "Es wird eine große Herausforderung sein, diese Leistung zu ersetzen und eine bislang unvorhersehbare Zahl von Rückbauprojekten zu beginnen", sagt IEA-Chefvolkswirt Fatih Birol ZEIT ONLINE.  

Birol redet den Regierungen ins Gewissen. Sie müssten endlich damit beginnen, Zeitpläne festzulegen, und sich über die Finanzierung des Rückbaus Gedanken machen.

Allein die 200 Meiler zurückzubauen könnte beeindruckende 100 Milliarden Dollar kosten. Dazu kommt noch die Entsorgung des Atommülls. Die Menge des hochradioaktiven Abfalls aus den kommerziellen Reaktoren wird sich nach IEA-Schätzungen bis zum Jahr 2040 auf mehr als 700.000 Tonnen verdoppeln. Birol klingt fassungslos. 60 Jahre nachdem das erste AKW ans Netz ging, habe noch immer kein Land auf der Welt ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll in Betrieb genommen. "Alle, die jemals Atommüll erzeugt haben, müssen jetzt dauerhafte Endlagerlösungen entwickeln", fordert er.

Laufzeitverlängerungen können sehr profitabel sein

Für die Betreiber macht Atomkraft ökonomisch aber so richtig erst Spaß, wenn die Kapitalkosten einer Anlage abgezahlt sind und nur noch Betriebs- und Wartungskosten anfallen. Je länger die Anlage am Netz bleibt, desto höher ist der Gewinn – falls keine aufwendigen Reparaturen und Nachrüstungen notwendig werden. "Halten sich die Anpassungskosten im Rahmen, können Atomreaktoren mit verlängerter Laufzeit sehr profitabel sein", sagt Stephen Thomas von der Universität Greenwich.

Kaum überraschend, dass alte Meiler daher nur selten vor Ende der regulären Laufzeit vom Netz gehen. Die amerikanische Atomaufsichtsbehörde hat bislang jeden Antrag auf Laufzeitverlängerung genehmigt, bis heute waren es insgesamt 45. Allerdings lässt sie sich seit einigen Jahren immer mehr Zeit und verschärft die Auflagen. Teilweise warten Betreiber mehrere Jahre auf die Verlängerung.