Vor nicht allzu langer Zeit nahm ich an einer Podiumsdiskussion im indischen Jaipur teil – es ging darum, ob der Kapitalismus vom richtigen Weg abgekommen sei. Nach dem Gespräch stellte mir ein indischer Student eine Frage, die auf dem Podium nicht erörtert worden war. Sie bezog sich auf Amerika. "Wie wird es", fragte er, "für eine große Nation wie die Vereinigten Staaten möglich sein, auf der Welt weiterhin Macht und Einfluss auszuüben, wenn das Land nichts mehr selbst herstellt?"

Ich war mir nicht sicher, was ich erwidern sollte. Vordergründig schien es ihm um den Niedergang der produzierenden Industrie zu gehen und rasch fielen mir die Argumente der Ökonomen zugunsten der Effizienz von Outsourcing und der wechselseitigen Vorteile des globalen Handels ein. Doch ich hatte nicht das Gefühl, damit den Kern seiner Frage zu treffen. Es schien ihm um mehr zu gehen als um Ökonomie. Ich antwortete, ich würde seine Besorgnis teilen, hätte aber keine gute Antwort und müsse darüber nachdenken.

Es herrscht eine verbreitete, aber unbestimmte Besorgnis darüber, dass sich der Charakter der wirtschaftlichen Aktivität in den USA auf eine Weise verändert hat, die der Zivilgesellschaft nicht zuträglich ist. Zunehmend wird nicht mehr mit der Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen Geld verdient, sondern mit der Verwaltung von Risiken. Man könnte sagen, wir sind von einer produzierenden Wirtschaft zu einer spekulierenden Wirtschaft übergegangen.

Eine beunruhigende Entwicklung

Diese Entwicklung ist beunruhigend und sollte uns dazu veranlassen, neu über unser Wirtschaftsleben nachzudenken. Der Grund für die Beunruhigung liegt nicht vorrangig im Ökonomischen. Ich behaupte nicht, dass mehr Spekulation zwangsläufig zu einer weniger wohlhabenden Gesellschaft führt. Aber sie führt zu einer ungerechteren Gesellschaft. Und sie fördert eine Ethik der Spekulation, die andere moralische und zivile Normen zersetzt.

Um die moralischen Implikationen der Spekulation in unserem Wirtschaftsleben auszuloten, sollten wir uns folgende Frage stellen: Gibt es einen Unterschied – einen moralisch bedeutsamen Unterschied – zwischen Investition und Glücksspiel? Die meisten Menschen würden mit Ja antworten. Im Allgemeinen unterstützen Gesellschaften das Investieren, während sie Glücksspiel ablehnen, auch wenn nicht einfach zu erklären ist, warum sie das tun.

In der Praxis ist der Unterschied zwischen Investieren und Zocken mitunter schwer auszumachen. Bei beiden Aktivitäten geht man in der Hoffnung auf einen Gewinn ein Risiko ein. Warum sollten wir also, wenn beides gleichermaßen spekulativ ist, das Investieren loben, das Zocken aber herabsetzen?

Die offensichtliche Antwort lautet: Investitionen dienen der Herstellung nützlicher Güter und Dienstleistungen; Zocken hingegen ist entweder eine Form der Unterhaltung oder eine Möglichkeit zum Geldverdienen, ohne dass dabei etwas Nützliches produziert wird. Allerdings stellt sich die schwierige Frage, wie wir entscheiden können, welche Güter und Dienstleistungen nützlich oder wertvoll sind. Da die Menschen wahrscheinlich darüber uneins sind, was nützlich oder wertvoll ist: Sollten wir sie nicht selbst entscheiden lassen, welche Geschäfte sie abschließen und welche Risiken sie eingehen wollen? Sollten wir nicht beide Formen von Risikobereitschaft – Investieren und Zocken – gleich behandeln?