Bundeskanzlerin Angela Merkel © Reuters

Für viele Ökonomen aus dem Ausland ist es gerade schwer, mit Blick auf die stagnierende deutsche Wirtschaft die Schadenfreude zu unterdrücken. Seit Jahren warnt eine große Mehrheit von Volkswirten, dass die deutsche Wirtschaftspolitik nicht nur den Mitgliedsländern der Europäischen Union schadet, sondern dass sie auch den Interessen Deutschlands zuwiderläuft und das eigene Land beschädigt.

Die Antwort der Deutschen auf die Kritik lautete unisono: Wir machen es richtig, der Rest Europas ist das Problem. Nun ist diese Argumentation nicht mehr haltbar: Das Wachstum in Deutschland hat sich spürbar verlangsamt, die Exporte gehen zurück, und die Binnennachfrage schwächelt.

Aber Schadenfreude – auch wenn sie zweifelsohne vergnüglich ist – ist in der derzeitigen Situation nicht hilfreich. Darum also konstruktiv: Was macht Deutschland falsch? Wie sollte sich die deutsche Wirtschaftspolitik ändern? Im Kern steht das Land vor drei großen Herausforderungen:

  • Die Binnennachfrage ist zu schwach. Die Löhne in Deutschland wachsen langsamer als die Produktivität. Diese bewusste politische Entscheidung hat den Lebensstandard von Millionen deutschen Arbeitern über Jahre reduziert. Die real verfügbaren Einkommen sind beispielsweise in den vergangenen zwei Jahren nicht oder nur marginal gewachsen – trotz niedriger Arbeitslosigkeit und hohem Exportwachstum. Die Deutschen haben vergessen, dass Wirtschaftswachstum kein Selbstzweck ist. Es geht um Wohlstandszuwachs. Die Bürger des Landes müssen etwas vom Wachstum abbekommen. Hier hat Deutschland versagt.
  • Sowohl die privaten als auch die öffentlichen Investitionen sind zu niedrig. Faktisch sind sie in den vergangenen zwei Jahren sogar gesunken. Ein Land, das nicht investiert, verspielt seine Zukunft und reduziert die künftigen Produktionskapazitäten. Eine solche Strategie ist zu jedem Zeitpunkt falsch. Aber in der jetzigen Situation, in der die langfristigen Zinsen so extrem niedrig sind, ist sie geradezu verrückt.
  • Die Abhängigkeit vom Ausland ist zu hoch. Bis heute hat es Deutschland geschafft, seine strukturellen Defizite zumindest auf dem Papier zu kompensieren. Ein ständiges Ungleichgewicht zwischen einer schwachen Binnennachfrage und hohen heimischen Produktionskapazitäten kann auf zwei Arten ausgeglichen werden: Einem sehr hohem Exportüberschuss oder, indem einfach deutlich weniger produziert wird. In anderen Worten: einer Rezession. Bislang hatte es Deutschland über den Export geschafft. Aber diese Strategie ist langfristig nicht tragfähig.

Glücklicherweise können vernünftige wirtschaftspolitische Entscheidungen diese Probleme beheben. Die Löhne sind in Deutschland schon dabei stärker zu steigen, aber hier ist der Weg noch sehr lang. Deutschland ist auch gut darin, anderen europäischen Ländern Ratschläge zu erteilen, wie sie ihr Land reformieren sollen. Nur im eigenen Land wird nichts unternommen. Der Dienstleistungssektor und auch der Handel sind in Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten immer noch sehr stark reguliert. Eine stärkere Deregulierung könnte das Wachstum ankurbeln.

Aber auf kurze Sicht ist etwas anderes viel wichtiger: Die Investitionen müssen steigen. Auf den internationalen Kapitalmärkten stehen die Investoren Schlange, um Deutschland quasi umsonst Geld zu leihen. Ihr Geld wird dringend benötigt: Die deutsche Infrastruktur gehörte für lange Zeit zu den besten weltweit. Derzeit verfällt sie – langsam, aber stetig. Den größten Nachholbedarf hat Deutschland jedoch nicht auf der Straße oder der Schiene, sondern in Netzen, die das Wachstum in der Zukunft bestimmen werden, wie beispielsweise dem Breitbandnetz.