Zwar sinkt der Ölpreis derzeit – die Internationale Energieagentur sieht trotzdem keine Entspannung an den Ölmärkten. Man dürfe sich "nicht davon täuschen lassen", dass die Märkte kurzfristig gut mit Öl versorgt seien, schreiben die Energiespezialisten im neuen Weltenergieausblick (World Energy Outlook), den sie am Mittwoch in London präsentieren. Die jährlichen Prognosen der IEA sind für die globale Energiewirtschaft von großer Bedeutung, oft treffen Unternehmen auf ihrer Basis Investitionsentscheidungen.

Die Zeiten des knappen Öls sind keineswegs vorbei. Die IEA warnt, dass die Welt weiterhin von einer geringen Anzahl von Ölproduzenten abhängig sei. "Die Sorgen um die Energiesicherheit nehmen zu", heißt es in der Analyse. Bis zum Jahr 2040 werde die weltweite Ölnachfrage um 15,5 Prozent steigen: von 90 Millionen Barrel täglich im Jahr 2013 auf 104 Millionen Barrel.

Schon Anfang der 2020er Jahre könnte es sein, dass die Ölförderung in den USA wieder abnehme. Wer aber springt dann ein? Auch vor Brasilien erweist sich die Erschließung der riesigen Ölvorkommen in der Tiefsee als weitaus komplizierter und kostenaufwändiger als gedacht. Unklar sei außerdem, ob Kanada die Förderung von Öl aus Teersanden weiterhin mit solch hohen Wachstumsraten wie derzeit steigern könne.

Um die steigende Nachfrage zu befriedigen, müssten jedes Jahr enorme 900 Milliarden US-Dollar im Öl- und Gasgeschäft investiert werden, schätzt die IEA. Wer aber wird investieren, gerade wenn die politische Lage instabil ist? In den Fokus nimmt die IEA hier den Mittleren Osten und den Irak. Vor allem Asien werde von der Ölregion extrem abhängig werden: Im Jahr 2040 werde Asien zwei von drei Barrel Rohöl importieren müssen – und das vor allem aus dem Mittleren Osten.

Reiche OECD-Industrienationen setzen zwar auf Energieeffizienz und Alternativen zum Erdöl, doch die Einsparungen werden durch steigenden Verbrauch in Entwicklungs- und Schwellenländern teilweise konterkariert. "Für jedes Barrel, das die OECD-Nationen einsparen, verbrauchen die Nicht-OECD-Staaten zwei Barrel mehr", kalkulieren die Fachleute der IEA. Bis zum Jahr 2040 könnte sich etwa weltweit die Zahl der Autos und Lastwagen verdoppeln.

Die IEA betont, wie wichtig strenge Effizienzstandards sind, um die Nachfrage nach fossilen Energieträgern zu mindern. Nur so lässt sich der Ausstoß von Klimagasen reduzieren. Wenn man das Ziel ernst nehme, die weltweite Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, gebe es "akuten Handlungsbedarf", mahnen die Energieexperten an.

Beeindruckend ist, welche enorme Wirkung strengere Energiesparvorgaben haben. Wenn man es schaffe, den Ölbedarf bis zum Jahr 2040 um fast drei Viertel zu reduzieren, ließe sich damit die aktuelle Produktion von Saudi-Arabien und Russland einsparen.