Es klingt paradox: Wenn die großen Stromkonzerne einen Teil ihrer Kohlekraftwerke abschalten, können sie Milliardengewinne machen. Zu diesem Schluss kommt zumindest eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Böll-Stiftung und der European Climate Foundation.  

Die Wissenschaftler rund um die Energieökonomin Claudia Kemfert haben ausgerechnet, was passiert, wenn schon im kommenden Jahr Steinkohlekraftwerke mit einer Leistung von drei Gigawatt und Braunkohlekraftwerke mit sechs Gigawatt vom Netz genommen werden. Sie wollen die ältesten, ineffizientesten und klimaschädlichsten Kraftwerke Deutschlands abschalten. Das Ergebnis: 23 Millionen Tonnen CO2 würden so eingespart. Die Bundesregierung käme damit ihrem Ziel, bis zum Jahr 2020 die CO2-Emissionen um rund 40 Prozent zu mindern, einen bedeutenden Schritt näher. 

Nach aktuellen Prognosen des Umweltministeriums wird sie das 40-Prozent-Ziel nämlich verfehlen. "Die Stilllegung alter und ineffizienter Kohlekraftwerke erleichtert es, die Klimaziele zu erreichen", sagt Martin Rocholl, Leiter der European Climate Foundation, einem Thinktank, der sich für eine engagiertere Klimaschutzpolitik einsetzt. Die Versorgungssicherheit sei durch das Abschalten nicht gefährdet. Im Moment würde Deutschland sogar Strom in großen Mengen ins Ausland exportieren.   

Zurzeit ist der Strommarkt in Deutschland komplett durcheinandergeraten. Das große Angebot an Ökostrom führt zu sinkenden Börsenpreisen, zudem sind wegen eines Überangebots an Zertifikaten die Preise für CO2-Verschmutzungsrechte im Keller. Dadurch ist es für die Stromkonzerne attraktiver, Kohlestrom zu produzieren als in Klimaschutz zu investieren. Investitionen in effiziente, aber teure Gaskraftwerke, die dringend für die Energiewende benötigt werden, lohnen sich nicht. Eine absurde Entwicklung im Energiewendeland Deutschland.  

Gabriel will Kraftwerke nicht abschalten

Wird nun die Zahl der Kohlemeiler reduziert – entweder, weil die Regierung das zwangsanordnet oder weil sie dem Wunsch der Betreiber nachkommt – würde der Börsenstrompreis steigen. Die verbliebenen Kraftwerke würden so wirtschaftlicher arbeiten. Im DIW-Szenario würde so der Börsenpreis für eine Kilowattstunde Strom um 1,3 auf rund fünf Cent steigen. Das entspricht etwa dem Niveau des Jahres 2011. Rechnet man das auf die gesamte Stromproduktion hoch, dann könnten die Energiekonzerne mit zusätzlichen Einnahmen von 5,8 Milliarden Euro rechnen.

Bei solchen Milliarden am Horizont könnte man vermuten, dass die Stromkonzerne freiwillig die Zahl ihrer Kraftwerke reduzieren. Zwar haben sie teilweise schon Stilllegungen beantragt, doch die Zahl reicht nicht aus, um einen nennenswerten Effekt zu haben. Es ist wie so oft: Keiner möchte der Erste sein. Schließlich will jeder mit noch laufenden Kraftwerken von steigenden Preisen profitieren. "Die Marktbereinigung passiert nicht von allein", sagt Rocholl.

DIW-Expertin Kemfert geht davon aus, dass auch die Privathaushalte unterm Strich profitieren: Da die Ökostromumlage mit steigendem Börsenpreis sinkt, würden auch die Verbraucher möglicherweise entlastet. Unklar sind die Folgen für den Industriestandort Deutschland. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) sorgt sich um die Arbeitsplätze in der Kohleindustrie, die traditionell eng mit der SPD verbandelt ist. Erst vor wenigen Tagen hatte er betont, wie wichtig Kohlestrom für Deutschland sei. Gleichzeitig klagt die energieintensive Industrie seit Langem über zu hohe Strompreise in Deutschland und droht immer wieder mit der Verlagerung der Produktion ins Ausland.

Ein Vorwurf, den das DIW jedoch nicht gelten lässt. Wegen der Befreiung unter anderem von der Ökostromumlage gehe es energieintensiven Unternehmen in Deutschland zurzeit "bombig" sagt Kemfert. "Die Empirie zeigt: Strompreise sind kein Grund für eine Standortverlagerung."