Es vergeht mittlerweile kaum ein Tag, an dem das Wort Streik einmal nicht in den Nachrichten oder in Kantinengesprächen das Hauptthema ist. Gibt es sie noch, die ganz normalen Tage, an denen alle Lokführer und Piloten des Landes völlig selbstverständlich ihren Dienst verrichten und alle Arbeitnehmer darum pünktlich zur Arbeit erscheinen oder wie gewohnt zu Terminen fahren können? Nun kommt es ganz dick: Ab Donnerstag werden die Lokführer in einem viertägigen Ausstand die komplette Republik lahmlegen, so hat es die Lokführergewerkschaft GDL angedroht.

Es wird ein Rekordstreik sein, und das Land und seine Bürger wettern jetzt schon, weil sich jeder irgendwie betroffen fühlt, wenn Zug- und S-Bahnverkehr zum Erliegen kommen. "Jetzt reicht's!", schimpfen allerorts Medien und Bahnkunden. "Hier ist jedes Maß verloren gegangen" und "Die GDL nervt ganz Deutschland" sagt selbst die SPD, die sich eigentlich solidarisch erklären müsste mit den Angestellten im Arbeitskampf. Von "Schikane" und "Missbrauch von Recht und Macht" sprechen Verhandlungsbeteiligte, die noch versuchten, den "Megastreik" abzuwenden.

Die Pendlerrepublik Deutschland tut sich verständlicherweise schwer mit solchen Arbeitsausständen. Nun aber macht das ganze Land seinem Unmut über die untätigen Lokführer Luft. Aber sind vier Tage Ausstand wirklich so rekordverdächtig? Und taugen sie dafür, dass einem ganzen Land in kollektiver Erregung die Halsschlagader schwillt?

Gemessen an anderen Arbeitskämpfen, die bisher in der Bundesrepublik tobten, wirkt der Ausstand der Lokführer eher wie eine verlängerte Mittagspause. Es gab viel schlimmere Streiks, mit denen Beschäftigte hierzulande für bessere Arbeitsbedingungen kämpften. Sie legten für viele Wochen, einmal sogar über ein Jahr ihre Arbeit nieder. Fast immer zog das große Teile der deutschen Wirtschaft in Mitleidenschaft, und der Unmut war vor allem in den Unternehmen groß. Doch standen – anders als jetzt – damals Millionen Bürger hinter den Streikenden. Die kämpften nämlich für Ziele, die letztlich allen Arbeitnehmern zugutekamen.

Der größte Streik:

Sogar einen richtigen Generalstreik hat Deutschland erlebt, der einen Tag lang das ganze Land stillstehen ließ – und nicht nur die Züge. Das war kurz vor Gründung der Bundesrepublik, am 12. November 1948, und ist deshalb den Wenigsten präsent. Damals hörten in der amerikanischen und britischen Besatzungszone mehr als neun Millionen Menschen zu arbeiten auf. Damit befanden sich knapp 80 Prozent aller Beschäftigten in diesen beiden Zonen im Ausstand. Die französischen Besatzer hatten den Streik verboten, deshalb arbeiteten an diesem Tag Rheinland-Pfalz, das Saarland sowie der südliche Teil des späteren Bundeslandes Baden-Württemberg weiter, während der Rest Deutschlands in "feiertäglicher Stille versank", wie sich Historiker erinnern.

Die streikenden Arbeitnehmer aus Industrie, Handwerk, Handel und Verkehr demonstrierten gegen die enormen Preissteigerungen, die damals die Währungsreform und die Aufhebung von Preiskontrollen ausgelöst hatten. Extrem niedrige Löhne kamen noch hinzu. Es war der erste Nachkriegsstreik, in dem die Bürger nach Lohnerhöhungen und sozialer Marktwirtschaft verlangten.

Der längste Streik:

Den längsten Arbeitskampf seit der Jahrhundertwende erlebte die Republik 1956. Damals legten 16 Wochen lang Zehntausende Metallarbeiter ihre Arbeit nieder. In Schleswig-Holstein befanden sich ab Oktober insgesamt 34.000 Beschäftigte für 114 Tage im Ausstand. In Lübeck, Kiel und Elmshorn blieben die sonst überfüllten Straßenbahnen, Busse und Dampfer leer. Kräne und Werften standen still, Stapelläufe großer Schiffe wurden abgesagt, ein fertiger Großbagger für Indien verließ das Land nicht.