Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GdL) wird in diesen Tagen nicht gerade mit Liebe überschüttet. Reisende machten ihrem Ärger auf Bahnsteigen und im Internet Luft: Eine Skandal sei der Lokführer-Streik und eine Zumutung. Kritik kam aus der Politik und aus anderen Gewerkschaften. GdL-Chef Claus Weselsky klagte über eine "Hetzkampagne" der Medien. Das Freundlichste war noch die Auszeichnung zum Mitarbeiter des Monats, die die Autovermietung Sixt dem GDL-Chef via Zeitungsanzeige zuteilwerden ließ. So viele neue Kunden auf einen Schlag hatte wohl noch kein echter Mitarbeiter dem Unternehmen verschafft.

Auf die in der GdL organisierten Lokführer konnte sich Weselsky bislang immer noch verlassen. Doch auch daran werden jetzt Zweifel laut. Ein gewisser Unmut mache sich unter den Kollegen breit, sagt Manfred Schell, Weselskys Vorgänger als GdL-Chef. "Ich weiß von einigen, die nicht am Arbeitskampf teilnehmen, weil sie nicht wissen, was das alles soll", sagt Schell.

Weselsky ist auf die Lokführer angewiesen. Einen 109 Stunden lang andauernden Rekordstreik kann seine Gewerkschaft nur stemmen, wenn alle Mitglieder hinter ihrem Anführer stehen. So will Weselsky durchsetzen, dass die GdL künftig Tarifverträge für alle ihre Mitglieder verhandeln kann – also für die Lokführer ebenso wie für Bordgastronomen, Zugbegleiter und das weitere Zugpersonal. Erst wenn die Deutsche Bahn dem zustimmt und im Zweifel auch zwei parallel existierende Tarifverträge akzeptiert, will Weselsky über konkrete Inhalte sprechen.

Die Bahn aber wollte über mehr Lohn und kürzere Wochenarbeitszeiten verhandeln und keinesfalls über die Tarifpluralität, wie die GdL das parallele Bestehen mehrerer Tarifverträge im gleichen Betrieb nennt. In diesem Punkt ist das Unternehmen zu keinen Zugeständnissen bereit. Deshalb lehnte Weselsky das Angebot rundweg ab.

"Die Front bröckelt nicht"

Das fänden viele falsch, erklären die GdL-internen Kritiker. Für die Lokführer sei das Angebot doch durchaus akzeptabel gewesen. "Es gibt Kollegen, die sagen, wir kämpfen nicht mehr für uns, wir kämpfen für andere Berufsgruppen", so Manfred Schell. Er vermutet deshalb, dass es mehr als nur ein paar Streikbrecher gebe. Schließlich könnten im Süden Deutschlands – nach Angaben der Bahn – bis zu 40 Prozent der Züge fahren.

"Es haben sich ein paar mehr Lokführer zur Arbeit gemeldet, als wir erwartet haben", sagt eine Bahn-Sprecherin dazu nur. Von Massen an Streikbrechern ist bei der Bahn aber keine Rede.

Sven Schmitte, der Bezirksvorsitzende der GdL in Nordrhein-Westfalen, hat sowieso keine Zweifel an der Geschlossenheit der Gewerkschaft. "Wir haben eine Streikbeteiligung von rund 90 Prozent", sagt Schmitte, "die Front bröckelt nicht". Die Beteiligung sei bereits beim letzten Streik im Oktober so hoch gewesen, obwohl die Mitglieder sich auf einige Unannehmlichkeiten einlassen mussten. Dazu zählen Auseinandersetzungen mit Arbeitgebern vor Ort und empfindliche Einbußen beim Lohn. "Streik ist kein Ponyhof", sagt der NRW-Bezirksvorsitzende. Dass die Kollegen trotzdem so zahlreich streiken würden, zeige, dass es ihnen wichtig sei.

Großdemonstration vor Bahn-Hochhaus in Berlin

Um die finanziellen Einbußen für die Streikenden zu lindern, bekommen sie eine Entschädigung aus der Kasse der Gewerkschaft. 50 Euro maximal gibt es pro Tag. Verrechnet man das mit dem entgangenen Lohn bleibt den meisten Lokführern trotzdem ein Verlust von mehr als 100 Euro täglich. Die Streikkasse finanziert die GdL selbst. Während des jüngsten Ausstandes am Wochenende vom 17. Oktober traten laut Bahn 4.000 Lokführer in den Ausstand. Dem entspricht eine Streikgeld-Summe von 200.000 Euro.

Die GdL sagt, ihre Kassen seien gut gefüllt. Dennoch hat sie für die aktuelle Arbeitsniederlegung beim Beamtenbund (dbb) einen Antrag auf Streikgeldunterstützung gestellt. Wird er genehmigt, würde der dbb für jeden Streikenden bis zu 50 Euro am Tag übernehmen.

Die Kassen gefüllt, die Reihen geschlossen: Noch scheinen Manfred Schell und die anderen Weselsky-Kritiker in der GdL stark in der Unterzahl. Ob sie für eine Mehrheit der Mitglieder sprechen, ist fraglich. Doch die Stimmung könnte sich mit zunehmender Streikdauer ändern. Erst in den kommenden Tagen wird sich zeigen, wie viel Unterstützung Weselsky und sein harter Kurs noch genießt.

Eine Ahnung davon wird es bereits am Freitag geben. Dann lädt die GdL zur Großdemonstration vor dem Bahn-Tower in Berlin. Fürs Nichterscheinen gibt es dann kaum eine Ausrede – die Anreise geschieht per Bus.