ZEIT ONLINE: Nach dem Mauerfall verloren viele Ostdeutsche ihre wirtschaftliche Existenz. Ganze Familien wurden arbeitslos – oder auseinandergerissen, weil ihre Mitglieder der Arbeit hinterherzogen. Was macht solch ein Umbruch mit den Menschen?

Klaus Dörre: Das war eine sehr ambivalente Erfahrung. Auf der einen Seite stand die gewonnene Freiheit. Man konnte reisen und viele haben das auch genutzt. Auf der anderen Seite stand der wirtschaftliche Schock. In der DDR nahm man den Kapitalismus der alten Bundesrepublik noch als soziale Marktwirtschaft war, als diese bereits erodierte.

ZEIT ONLINE: Und dann war von sozialem Ausgleich nicht viel zu spüren.

Dörre: In Städten wie Jena waren plötzlich 30 oder 40 Prozent der Einwohner im erwerbsfähigen Alter arbeitslos – das war eine völlig neue Situation für die Menschen. Und sie war besonders schmerzhaft, weil die DDR eine sehr stark vom Ideal der Arbeit geprägte Gesellschaft war.

ZEIT ONLINE: Nur wer Arbeit hatte, galt etwas?