Pablo Iglesias führt die neue Partei Podemos an. © Gerard Julien/AFP/Getty Images

Noch vor Kurzem hätte es kaum jemand für möglich gehalten, doch neue Umfragen belegen es endgültig: Die spanische Protestpartei Podemos ist gekommen, um zu bleiben. In wenigen Monaten hat sie sich nicht nur als ernst zu nehmende politische Kraft etabliert – Podemos hat sogar gute Aussichten, die nächsten Wahlen zu gewinnen und danach Spanien zu regieren.

Schon bei der Europawahl am 25. Mai war die Überraschung groß. Podemos hatte sich erst ein paar Monate zuvor gegründet. Die Partei verfügte über keine Infrastruktur, gab weniger als 200.000 Euro für den Wahlkampf aus und war nur bekannt, weil ihr Chef Pablo Iglesias, ein junger Politikprofessor, so oft im Fernsehen zu sehen war. Doch das reichte für 1,2 Millionen Stimmen. Damit wurde Podemos aus dem Stand zur viertstärksten Partei Spaniens und schickte fünf Abgeordnete ins Europaparlament, unter ihnen auch Iglesias.

Die Spanier waren unzufrieden mit dem traditionellen Zweiparteiensystem. Sie empörten sich über die desaströse wirtschaftliche Lage, die hohe Arbeitslosigkeit mit einer Quote von 25 Prozent, und sie hatten die abgehobene politische Klasse satt, der jeder Bezug zur Realität zu fehlen schien. Das war die Stimmung im Land, der Podemos – die sich nicht einmal als Partei definierten – ihren Aufstieg und das unglaubliche Wahlergebnis verdankten. Die Grundlagen des Podemos-Erfolgs ähneln denen, die in Deutschland der AfD Auftrieb gaben: Zwar sind ihre politischen Positionen grundverschieden, aber beide Parteien leben von der Unzufriedenheit der Wähler mit der etablierten Politik.

Doch die etablierten Kräfte nahmen die Zeichen nicht ernst. Die Regierung, die Sozialistische Partei PSOE und alle vermeintlichen Experten waren überzeugt, dass Podemos sich von selbst erledigen würde, sobald die Spanier sich näher mit den Ideen der Gruppe befassten, und sobald ihre Anführer öffentlich für ihre Konzepte einstehen müssten. Denn die Ideen von Podemos sind radikal: Die Gruppe erwägt, die Staatsschulden nicht mehr zu bedienen. Sie möchte Schlüsselindustrien wie den Energie- oder Telekomsektor verstaatlichen, Spitzengehälter begrenzen, die Steuern erhöhen und ein allgemeines Grundeinkommen einführen. Die meisten Ökonomen halten solche Ideen für ziemlich gefährlich.

Deshalb glaubten die Mainstream-Analysten, die Wähler würden Podemos bestrafen, sobald sie die Standpunkte der neuen Partei verstünden. Und sie sahen in der offensichtlichen Sympathie des Podemos-Personals für populistische Regierungen in Lateinamerika, beispielsweise für Venezuela oder Ecuador, einen zusätzlichen großen Belastungsfaktor.

Podemos holt die meisten Stimmen

Aber genau das Gegenteil ist eingetreten. Vergangenen Sonntag überholte Podemos erstmals die beiden traditionellen Parteien – die Regierungspartei Partido Popular (PP) und die oppositionellen Sozialisten – in den Umfragen. Nach den für die Tageszeitung El País erhobenen Daten würden 27,2 Prozent der Spanier Podemos wählen. Die PSOE bekäme 1,5 Prozentpunkte weniger, die PP sieben Prozentpunkte.

Am Dienstag bestätigte das renommierte Centro de Investigaciones Sociológicas (CIS) die Tendenz. Dem CIS zufolge erklärten 17,6 Prozent der Befragten, Podemos wählen zu wollen. PSOE und PP erhielten eine deutlich geringere direkte Zustimmung.

Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass Podemos im Moment tatsächlich die Wahl gewinnen würde. Es könnte zum Beispiel sein, dass die Wähler der traditionellen Parteien ihre Präferenz angesichts der Stimmung im Land derzeit nicht so offen zugeben. Auch könnten über das Establishment empörte Wähler in den Umfragen angeben, für Podemos zu stimmen, und ihre Entscheidung dann doch revidieren – oder umgekehrt. Die Soziologen des CIS versuchen, solche Unsicherheiten zu berücksichtigen. Am Ende kommen sie zu dem Ergebnis, dass die PP derzeit wohl die Wahl gewönne.

Entscheidend ist aber, dass auch ihre Zahlen zeigen: Podemos hat sich als ernst zu nehmende Konkurrenz etabliert. In der Geschichte der spanischen Demokratie, in der sich immer nur zwei Parteien an der Macht abwechselten, kommt das einem politischen Erdbeben gleich.