Manchmal muss man zwischen den Zeilen und zwischen den Zahlen lesen, um das ganze Bild zu verstehen. Vor allem, wenn sich die Beteiligten mit klaren Worten zurückhalten, so wie die deutsche Wirtschaft in Sachen Russland. Durch die von der EU gegen Russland verhängten Sanktionen verlieren deutsche Unternehmen viel Geld. Im laufenden Jahr sollen es rund sieben Milliarden Euro sein. Das entspricht in etwa einem Fünftel des gesamten Russlandgeschäfts.

Damit fällt Russland in der Exportstatistik unter den osteuropäischen Ländern auf den dritten Rang zurück. Inzwischen verkaufen deutsche Unternehmen deutlich mehr nach Polen und Tschechien als ins riesige Russland. Doch wie schwer wiegen diese sieben Milliarden Euro? Und haben sie das Zeug dazu, der deutschen Wirtschaft ernsthaft zu schaden?

Setzt man die Zahl in Bezug zum Bruttoinlandsprodukt, so ist sie nur etwa ein Vierhundertstel dessen, was die Wirtschaft zuletzt im Jahr erarbeitet hat. Vergleicht man sie aber mit einer anderen Zahl, die Ökonomen traditionell sehr wichtig ist, nämlich dem Wirtschaftswachstum, dann nimmt sie schon einen anderen Stellenwert ein: Um elf Milliarden Euro wuchs die Wirtschaft 2013. Wenn ihr nun im laufenden Jahr sieben Milliarden fehlen, ist das nicht wenig. 

Besorgte deutsche Manager

Kein Wunder also, dass sich Siemens-Chef Joe Kaeser zuletzt "besorgt" zeigte, was die Sanktionen betrifft: "Wir müssen aufpassen, dass am Ende nicht auch ganz Europa den Preis für die Krise zahlt", mahnte er. Siemens selbst treffen die Sanktionen hart: Der Auftragseingang aus Russland wird im laufenden Jahr um ein Drittel zurückgehen, teilte das Unternehmen unlängst mit. 

"Hinter den sieben Milliarden Euro stehen eine Reihe von Existenzen und zehntausende Arbeitsplätze, die in Deutschland in Gefahr geraten", sagt Eckhard Cordes, ehemaliger Metro-Chef und heute Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. "Spezialisierten Mittelständlern fällt es schwer, sich schnell auf andere Märkte umzuorientieren." Der deutsche Maschinenbau geht von Einbußen in Höhe von 40 bis 50 Prozent im laufenden Jahr aus. Die Branche befürchtet, dass chinesische Konkurrenzunternehmen die Lücke nur zu gern füllen, die sich durch den Rückzug der europäischen Firmen auftut.

Auch die Autokonzerne haben ihre Produktion in Russland merklich zurückgefahren. Opel ordnete in seinem Werk in St. Petersburg Kurzarbeit an und die Bänder bei VW in Kaluga standen zwei Wochen lang still. Nun waren die Gründe dafür nicht nur die Sanktionen, sondern auch der damit einhergehende Verfall des Rubels. Er macht deutsche Produkte für russische Käufer unattraktiver.

Die Ukraine-Krise verunsichert und hat Vertrauen zerstört: Am deutlichsten zeigt sich das an den Investitionen. Die tätigen deutsche Firmen in Russland nun viel seltener, meldete der Deutsche Industrie und Handelskammertag (DIHK) unlängst. Die Unternehmen stellen den Ausbau von Werken oder Standorten zurück und die Banken sind bei der Vergabe von Krediten viel vorsichtiger geworden.

Und diejenigen, die trotzdem in jüngster Zeit investiert haben, bangen um ihr Geld. Die russische Regierung bereitet ein Gesetz vor, das es ermöglichen soll, ausländisches Eigentum zu konfiszieren. Damit sollen diejenigen Oligarchen entschädigt werden, deren Konten im Ausland eingefroren wurden. Davon bedroht sehen sich dem Vernehmen nach auch einige deutsche Unternehmen. Es träfe vor allem diejenigen, die zuletzt mit großen Summen in den russischen Markt preschten, zum Beispiel die Metro, die 70 Großmärkte für rund eine Milliarde Euro baute. Oder den Energiekonzern E.on, der zehn Milliarden Euro investierte. Oder Opel und VW, die Werke in der Hoffnung bauten, dass Russland bis 2020 Europas größter Automarkt werde.