Mit ihrem Initiativschwert haben die Schweizer schon Minarette abgesäbelt, schwarze Schafe aus dem Land gejagt und Mindestlöhne zurechtgestutzt. Jetzt aber wollen viele in der Schweiz noch mehr. Sie wollen Gold.

Von einem verordneten Goldrausch sprechen die Zeitungen im Land, denn der Kleinstaat soll verpflichtet werden, bis zu zwei Drittel der weltweiten jährlichen Goldproduktion in seinen Bergen zu bunkern. So will es eine Volksinitiative, über deren Ideen am kommenden Sonntag abgestimmt wird.  

"Rettet unser Schweizer Gold" heißt diese Initiative. Sie ist eine von dreien, die am 30. November zur Abstimmung stehen. Die Gold-Initiative soll die Nationalbank verpflichten, stets ein Fünftel jedes Papier-Frankens in blankem Gold zu hinterlegen. In der Schweiz. Und sie darf dieses Gold niemandem verkaufen. Stabilität und Unabhängigkeit "in unsicheren Zeiten" versprechen die Initiatoren.  

Die Märkte zittern bereits vor Erregung aufgrund der geballten Kaufkraft der Schweizer. Der globale Goldpreis steht und fällt mit den neuesten Umfragen zum Volksentscheid. An der Wall Street, in der Londoner City und in Frankfurt am Main verfolgen Händler aufgeregt die Reden Schweizer Lokalpolitiker.

Die Regierungspolitiker in der schönen Schweiz sind alle dagegen, doch ihre Macht scheint beschränkt. Der Chef der Schweizerischen Nationalbank, Thomas Jordan, führt gerade den Kampf seines Lebens. Er fürchtet, dass die Nationalbank handlungsunfähig wird, falls die Gold-Initiative angenommen werden sollte. Die Zentralbank müsste dann ständig Gold kaufen, um den steigenden Kurs des Franken zu kompensieren. 

Die schlausten Ökonomen des Landes überbieten sich mit Argumenten, warum die Initiative komplett schwachsinnig ist. Es nütze nichts, endlos Gold zu horten, das man selbst im Krisenfall nicht verkaufen dürfe, sagen viele. Letztendlich, sagen andere, führe die Gold-Initiative genau zum Gegenteil: Sie erhöhe die Geldentwertung, also die Inflation, und mache die Schweiz abhängiger vom Ausland. Und sie sei teuer: Für 70 Milliarden Franken müsste die Nationalbank Gold kaufen, wenn die Initiative angenommen würde, warnt der Nationalbank-Präsident. 

Rationale Gründe spielen keine Rolle mehr

Es gibt tonnenweise Gründe gegen diese Initiative. Sie würde dem Land schaden, davon ist die Mehrzahl der Beobachter überzeugt. Aber die drei rechten Außenseiter, die sie gestartet haben, können laut jüngsten Umfragen knapp 40 Prozent der Stimmberechtigten überzeugen. Rationale Gründe spielen keine Rolle mehr.

Ähnlich sieht es mit den zwei anderen Vorlagen aus, über die abgestimmt wird. Auch sie haben Chancen, obwohl sie von fast allen vernünftigen Stimmen als schädlich für die Schweiz betrachtet werden. 

Dass sich in der Schweiz für radikale Ansichten Mehrheiten finden lassen, ist spätestens seit dem 9. Februar 2014 auch außerhalb des Landes bekannt. An diesem Tag entschieden die Eidgenossen, das mit der EU im Gegenzug für Freihandelsregelungen eingeführte Freizügigkeitsregime einseitig aufzukündigen und fixe Kontingente für Ausländer einzuführen.    

Extreme Volksentscheide haben in der Schweiz Tradition. Doch nun hat sich das ursprünglich von der rechten Schweizerischen Volkspartei (SVP) in den neunziger Jahren entwickelte Wissen, wie man Volksabstimmungen instrumentalisiert, verselbstständigt. Es ist, als ob Waffen in Umlauf gekommen wären. Selbst die SVP hat keine Kontrolle mehr über die Volksabstimmungen: Die Partei lehnt alle drei anstehenden Abstimmungen ab. Alle drei wurden von Randfiguren des politischen Spektrums angestoßen. Und alle drei könnten angenommen werden.