Dieser Tage darf jeder seinen Unmut loswerden. Der Bäcker aus Tettnang etwa, der die SWR-Telefonkonferenz fast sprengt mit seiner Gewerkschafterbeschimpfung ("arroganter, zynischer Betonkopf"). Oder SPD-Bundestagsfraktionschef Thomas Oppermann, der auf das Bauchgefühl zielt, wenn er der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) die Verantwortung dafür zuschiebt, dass Kinder nicht in die Schule kommen und "die Wochenendplanung im Eimer ist".

Onlineportale hypen stundenlang die Nachricht, das Bayern-Spiel gegen Frankfurt sei in Gefahr – um irgendwann sang- und klanglos zurückzurudern. Der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Frank Steffel fordert GDL-Mitglieder auf, den Streik der eigenen Organisation zu brechen. Und für Thomas Strobl (CDU), den Merkel-Vize, der Ministerpräsident in Baden-Württemberg werden will und deshalb gerade alles tut, um Aufmerksamkeit zu erregen, ist der Arbeitskampf "Schikane". Die Menschen würden für "die bloßen Machtspielchen einer Gewerkschaft in Mithaftung genommen".

 

Betreibt die GDL "bloße Machtspielchen"? Zugbegleiter und Bistromitarbeiter, die 10- oder 15-Stunden-Schichten fahren und monatlich weniger verdienen als Bahn-Manager an einem Tag, drängen in die Gewerkschaft der Lokführer. Die ist altehrwürdig, ihre Vorläufer sind 150 Jahre alt und schon im Kaiserreich aufgefallen mit ihrem Durchsetzungsvermögen, etwa im Kampf um eine Unfall- und Notkasse auch für Hinterbliebene.

Was sich in die öffentliche Meinung einbrennen soll, ist, dass es GDL-Chef Claus Weselsky vor allem ums – zweifellos ausgeprägte – Ego geht. Inhalte aber gehen dabei verloren. Seit Monaten will etwa die Bahn nicht über das Wochenende verhandeln und wie viel Freizeit den Lokführern am Stück zugestanden wird. Auch die Lohnerhöhung von 80 bis 100 Euro soll kein Thema sein: Zuerst sollen die Gewerkschaften sich gefälligst untereinander einigen. Was im Klartext aber bedeuten würde, dass die GDL darauf verzichtet, der Bahn gegenüber weitere Berufsgruppen zu vertreten.

In früheren Zeiten hätten es die Menschen wie der Bäcker oder Strobl wohl schwerer gehabt im Kampf um die Deutungshoheit. Damals waren Arbeiter, Angestellte und Lehrlinge über alle Branchen hinweg gut organisiert. Die Forderungen waren vergleichsweise überschaubar.

Gewerkschaften waren nicht im Abwehr-, sondern im Verteilungskampf: von der Aufstockung des Krankengeldes, die Ende der Fünfziger in – heute unglaublichen – 16 Wochen erstreikt  wurde, bis zur Lohnerhöhung von 11,4 Prozent, für die im Jahr 1974 rund 200.000 Beschäftigten im öffentlichen Dienst die Arbeit niederlegten. Es gab die Fünf-Tage-Woche ("Samstags gehört Vati mir") und den berühmten Lohnrahmentarif II der Metaller. Der sichert Mitarbeitern bei Daimler, Porsche, Bosch und anderen Firmen im Südwesten bis heute besondere Vergünstigungen zu. Der Tarif schadet den Unternehmen offenbar im weltweiten Wettbewerb nicht.

Früher hatten viele Arbeiter in der Familie

Vor einigen Jahrzehnten konnten viele Bürger kundig mitreden über Details und Zusammenhänge, über zu hohe Lohnforderungen oder angemessene Angebote, über die Veränderungen am Band, im Schichtdienst oder im Team, über Just-in-time und die fragile Abhängigkeit von einer funktionierenden Zulieferung, über Verbeamtung und Tarifbindung.

Bildungspläne thematisieren Streiks nicht mehr

Viele hatten Arbeiter oder Arbeiterinnen in der Familie. Gewerkschafter, die sich gegen Gewerkschafter gestellt hätten, wären im eigenen Freundeskreis mächtig unter Druck geraten. Kinder und Jugendliche wuchsen auf mit Sprüchen wie "Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will".

Heute haben gerade einmal 20 Prozent der Deutschen eigene Erfahrung mit Urabstimmungen und Ausstand. In Bildungsplänen, etwa dem baden-württembergischen, ist die Geschichte der Arbeiterbewegung schon lange ein blinder Fleck. So kommt der Begriff "Streik" in den Unterrichtsgrundlagen von Realschulen gar nicht erst vor, obwohl diese Schulform nahe am Berufsleben sein will. Gewerkschaften sind ein einziges Mal unter der Überschrift "Wesensmerkmale von Revolutionen" erwähnt. Das Wort "Tarifvertrag" fällt ohne weitere Erklärungen im beliebigen Kapitel "Bedürfnisse und Nutzungskonflikte".

Prominente Betriebsratsvorsitzende wie Uwe Hück von Porsche philosophieren auch deshalb unwidersprochen über den hohen Stellenwert einheitlicher Verträge in einem Betrieb – und verschweigen, dass selbst sein Arbeitgeber von der Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Produktion profitiert.

Und wie bezeichnend war es, als Kanzlerin Angela Merkel im TV-Wahlkampf 2013 kalt erwischt wurde, als ein Leipziger Leiharbeiter ihr und einem TV-Millionenpublikum erzählte, dass er seit zehn Jahren in derselben Firma keine Festanstellung und keine zum einfachen Leben ausreichende Bezahlung erhält.  

Der These vom unverhältnismäßigen oder sonst wie rechtswidrigen Ausstand der Lokführer ist jetzt erst einmal ein hessisches Arbeitsgericht entgegengetreten: Der Arbeitskampf bleibt – bis auf Weiteres – zulässig. Er wird unabhängig vom Ausgang tiefe Spuren hinterlassen. Denn irgendwann werden die Verhandlung und/oder die Schlichtung vorüber sein.

Dann werden Gewerkschafter, wenn sich die innerbetrieblichen Machtverhältnisse geklärt haben, bereit sein müssen zu einem vernünftigen Dialog. Und ihre nächste Aufgabe wird sicherlich sein, der SPD in der Bundesregierung in den Arm zu fallen und das Tarifeinheitsgesetz zu verhindern: Es gefährdet aus ihrer Sicht die grundgesetzlich verbürgte Koalitionsfreiheit.