Es ist kein Zufall, dass die EU und die Vereinigten Staaten gerade jetzt über ein transatlantisches Freihandelsabkommen verhandeln. Sieben Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise ist die europäische Wirtschaft längst noch nicht über den Berg. Die Mehrzahl der EU-Länder leidet unter hoher Arbeitslosigkeit und anhaltender Wachstumsschwäche und ist aufgrund der rigiden Sparpolitik nicht in der Lage, ihr Wirtschaftswachstum aus eigener Kraft anzukurbeln. Deswegen richten sich in Europa alle Hoffnungen auf einen außenwirtschaftlichen Wachstumsimpuls, der nun in Form der TTIP zum Greifen nahe scheint.

Die EU-Kommission bestärkt diese Erwartungen, indem sie die TTIP als quasi kostenloses Konjunkturpaket präsentiert, das den beteiligten Ländern enorme Wachstums- und Beschäftigungschancen eröffne. Derartige Aussagen wiegen in der öffentlichen Debatte besonders schwer, wenn sie mit Ergebnissen wissenschaftlicher Studien untermauert werden und ihnen so der Anschein von Objektivität und Verlässlichkeit gegeben wird. Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass der Umgang mit den Studienergebnissen häufig ohne Sachkenntnis erfolgt.

Häufig werden einzelne Zahlen aus den Studien herausgegriffen, ohne dass klargemacht wird, welche Annahmen den verwendeten Modellrechnungen zugrunde liegen und auf welchen Zeithorizont sich die Ergebnisse beziehen. Oft werden die Studienergebnisse auch falsch interpretiert. So kommt es, dass Zahlen und Interpretationen, die einmal den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben, sich dort hartnäckig halten, auch wenn sie nachweislich falsch oder irreführend sind.

Es lohnt daher, sich die erwarteten Wachstums- und Beschäftigungseffekte in den drei wichtigsten Studien einmal genauer anzuschauen. Alle Ergebnisse beziehen sich auf das sehr optimistische Szenario eines umfassenden Freihandelsabkommens, dem die Annahme zugrunde liegt, dass sämtliche Zölle beseitigt und nicht-tarifäre Handelshemmnisse in großem Umfang abgebaut werden.

CEPR-Studie im Auftrag der EU-Kommission

Die EU-Kommission stützt ihre Argumentation auf eine von ihr beim Centre for Economic Policy Research (CEPR) in Auftrag gegebene Studie. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass bei einem umfassenden Freihandelsabkommen das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der EU im Jahr 2027 um 0,48 Prozent und das der USA um 0,39 Prozent höher wäre als ohne Freihandelsabkommen. Diese Zahlen geben den Gesamteffekt an. Er beziffert die ökonomischen Effekte des Abkommens am Ende einer Anpassungsphase von etwa 10 bis 20 Jahren, also auf lange Sicht.

Wie das Abkommen kurzfristig wirkt, lässt sich daran ermessen, wie hoch das zusätzliche durchschnittliche Wachstum pro Jahr ist, das durch das Freihandelsabkommen entstehen würde. Bezogen auf den in der CEPR-Studie unterstellten Anpassungszeitraum von zehn Jahren brächte die TTIP der EU und den USA ein zusätzliches durchschnittliches Wachstum beim BIP von weniger als 0,05 Prozentpunkten pro Jahr. Das ist verschwindend gering.

Auf der Website der EU-Kommission heißt es zur CEPR-Studie: "Einem unabhängigen Bericht zufolge könnte ein ambitioniertes Abkommen Unternehmen Ersparnisse in Millionenhöhe bescheren und Hunderttausende neue Arbeitsplätze kreieren."  Tatsächlich werden in der CEPR-Studie überhaupt keine Aussagen zu gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungsgewinnen oder -verlusten gemacht. Das ist auch gar nicht möglich, weil im CEPR-Modell ein festes Arbeitsangebot und Vollbeschäftigung unterstellt werden und deshalb das Beschäftigungsniveau langfristig konstant ist.

Das heißt: In dem gewählten Modellrahmen können langfristige Beschäftigungseffekte eines Freihandelsabkommens ‒ anders als von der EU-Kommission behauptet ‒ überhaupt nicht gemessen werden.

Die Studien des ifo Instituts

Das ifo Institut hat eine Studie für die Bertelsmann-Stiftung verfasst und eine andere im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums. Beide Untersuchungen haben mit dem Ergebnis für Aufsehen gesorgt, dass ein umfassendes Freihandelsabkommen die realen Pro-Kopf-Einkommen (gemessen durch das reale BIP pro Kopf) in den beteiligten Ländern langfristig deutlich erhöhen würde. Der größte Zuwachs wird mit 13,4 Prozent  für die USA erwartet, für die EU und für Deutschland liegt er bei fast fünf Prozent.