Gäbe es bei den Briefträgern der Deutschen Post ein Unwort des Jahres, wäre es wohl "Bemessung". Darunter versteht der Konzern die Größe der Zustellbezirke für jeden einzelnen Postboten. Ermittelt werden sie mit Hilfe eines Computerprogramms. Und fast in jedem Jahr steigt die Zahl der Straßen, die ein Briefzusteller pro Tag abfahren muss.

Beispiel Berlin-Neukölln: In den späten 1990er Jahren habe es in dem Berliner Stadtteil 130 Zustellgebiete gegeben, heute seien es nur noch 60, sagt ein Betriebsratsmitglied der Deutschen Post ZEIT ONLINE. Seinen Namen will er lieber nicht in der Zeitung lesen. Auf einen Postler mit Fahrrad oder Fußwagen kämen so teilweise bis zu 2.000 Haushalte – pro Tag.

Das Briefgeschäft ist für die Deutsche Post zu einem schwierigen Geschäftsfeld geworden. Statt Briefe zu schreiben, verschicken die Deutschen lieber E-Mails oder schreiben eine SMS. Das Briefvolumen sinkt nach Angaben des Konzerns um zwei bis drei Prozent pro Jahr. Trotzdem ist es immer noch sehr profitabel: Im vergangenen Jahr lag der Gewinn im  internationalen Briefgeschäft bei 1,3 Milliarden Euro.

Um den Rückgang bei den Briefen zu kompensieren, müssen die Zusteller mittlerweile zusätzlich Infopost und Werbung ausliefern, etwa das wöchentlich erscheinende Prospekt Einkauf aktuell. "Da kommt es schon mal vor, dass der Zusteller samstags mit einer halben Tonne Prospekten auf dem Fahrrad sitzt, die er an jeden ihm zugemessenen Haushalt verteilen muss", sagt der Betriebsrat.

Hohe Arbeitsbelastung

Eine Folge: Der Krankenstand unter den Zustellern steigt. Die Deutsche Post beziffert die Krankenquote für 2013 auf 8,4 Prozent, ein Plus von einem Prozentpunkt im Vergleich zum Vorjahr. Sie ist damit doppelt so hoch wie der bundesweite Durchschnitt. Bei insgesamt 86.000 Beschäftigten in der Zustellung wäre das ein permanenter Fehlanteil von 7.224 Briefträgern.

"In den Wintermonaten steigt der Krankenstand sogar auf mehr als zehn Prozent," kritisiert Lutz Kämmerer, ver.di-Gewerkschaftssekretär und für das Briefgeschäft in Berlin und Brandenburg zuständig. Die Post selbst begründet die Statistik mit "zunehmendem Alter der Beschäftigten" und "einem Anstieg der chronischen Erkrankungen".

Und was tut sie, wenn ein Mitarbeiter kurzfristig ausfällt? "Meistens gar nichts", sagt Kämmerer, "dann muss jemand den Bezirk übernehmen, der eigentlich schon mit seinem eigenen Gebiet vollständig ausgelastet ist." Das erkläre, warum bei einigen Leuten der Briefkasten an mehreren Tagen in Folge leer bleibt. Es ist einfach niemand da, der ihn füllen könnte. Und das obwohl laut bundesweit gültiger Verordnung 80 Prozent aller Briefe "am ersten auf den Einlieferungstag folgenden Werktag" ausgeliefert werden müssen, 95 Prozent am zweiten Werktag.