Wer seine Stromrechnung genauer studiert, der wird den Posten Netzentgelte finden. In Düsseldorf beispielsweise zahlt jeder Stromkunde 4,75 Cent je Kilowattstunde dafür, dass das Stromnetz bereitgestellt und unterhalten wird. Die Netzentgelte sind Teil des Strompreises – und sie variieren extrem in Deutschland. Ein Brandenburger, der im Netzgebiet des Anbieters E.Dis AG lebt, zahlt mehr als das Doppelte: 9,88 Cent je Kilowattunde.

Die Zahlen stammen aus einer Studie des Berliner Think-Tanks Agora Energiewende, die ZEIT ONLINE exklusiv vorliegt. Die Energieexperten vergleichen darin stichprobenhaft Netzentgelte in Deutschland und diskutieren eine Reform des Systems. Weil Windparks und Solaranlagen vor allem auf dem Land gebaut werden, muss auch dort das Verteilnetz am stärksten ausgebaut werden, um den Ökostrom aufzunehmen. Außerdem wird der Strom hier über längere Distanzen transportiert. Beides sorgt für höhere Netzentgelte.

Die Stromkonzerne geben die unterschiedlichen Entgelte direkt an die Endkunden weiter – die Strompreise schwanken dementsprechend regional. Deshalb fragen Verbraucherportale wie Verivox auch nach der Postleitzahl, wenn sie Tarife vergleichen. Ein Direktvergleich auf der Seite von Deutschlands größtem Stromkonzern Eon ergibt: Wer in Düsseldorf lebt und rund 3.000 Kilowattstunden im Jahr verbraucht, dem bietet Eon einen Direktstrom-Tarif von 53 Euro im Monat ein. Ein Bewohner des kleinen, brandenburgischen Städtchens Werder an der Havel zahlt dagegen beim gleichen Tarif 75 Euro.

Es gebe in ländlichen Regionen bei den Netzentgelten eine "ungünstige Kostenentwicklung", die durch den Ausbau der erneuerbaren Energien entstehe, heißt es in der Agora-Studie. Hinzu komme, dass die Zahl der Stromkunden aufgrund der demografischen Entwicklung in einigen Teilen Deutschlands sinke. Immer weniger Köpfe müssten also den Netzausbau finanzieren. Es lasse sich ein auffälliges Stadt-Land und ein Ost-West-Gefälle erkennen. "Die Finanzierung der Stromnetze droht in eine Schieflage zu geraten", warnen die Energiefachleute.

Für Bau, Betrieb und Erhalt des Stromnetzes in Deutschland fallen jährlich rund 17 Milliarden Euro an – fast so viel wie die gesamte Ökostromumlage. Wie diese Kosten verteilt werden, ist entscheidend für die Akzeptanz der Energiewende. Schließlich soll sie nicht nur den Atomausstieg und die Reduzierung der CO2-Emissionen ermöglichen. Die Energiewende soll auch so kosteneffizient und gerecht wie möglich organisiert werden – so zumindest fordern es immer wieder Politiker, egal ob aus der Regierung oder Opposition.

Immer weniger schultern die Kosten des Netzausbaus

Das aktuelle System der Netzentgelte führt indes zu einigen Unwuchten. Die Städte hätten beispielsweise ein ökonomisches Interesse daran, die urbanen Netze aus dem Stromnetzverbund herauszulösen und so niedrigere Entgelte zu ermöglichen, schreiben die Studienautoren. Eine Stadt kann dann bei Unternehmen mit niedrigen Netzentgelten werben – für manche Firmenansiedlung kann das entscheidend sein.

Zahlreiche Sonderregelungen führen außerdem dazu, dass die Netzentgelte immer ungerechter verteilt werden. Zwei Beispiele:

1. Vermiedene Netzentgelte: Allein in diesem Jahr zahlen die Netzbetreiber an Windmüller, Solarwirte und andere dezentrale Stromproduzenten wie etwa die Besitzer von Blockheizkraftwerken rund 1,6 Milliarden Euro. Die Begründung: Sie entlasten, wenn sie selbst vor Ort Strom erzeugen, das Stromnetz. Doch die Regelung hat fatale Folgen, vermutet Agora Energiewende: Firmen würden sich gezielt dort ansiedeln, wo die Netzentgelte besonders hoch sind. Sie können dann ihre Stromversorgung mit einem eigenen Mini-Kraftwerk gewährleisten und die hohen, vermiedenen Netzentgelte selbst kassieren. "Diese Vergütungsregel führt zu geografisch falschen Anreizen und produziert zusätzliche Netzausbaukosten", heißt es in der Studie.

2. Eigenverbrauch: Stromkunden zahlen Netzentgelte für den bezogenen und im Netz transportierten Strom. Wer selbst mit einer Solaranlage Strom erzeugt, der spart sich entsprechend die Netzentgelte. Teure Netze bürgen die Gefahr zu einer sich selbst verstärkenden Umverteilungsdynamik, heißt es in der Studie weiter. Die Solarwirte verabschieden sich vom Netzausbau. Und der immer kleiner werdende Kreis der verbleibenden Verbraucher muss dann den Ausbau finanzieren. Von dem allerdings profitieren auch die Ökostromer. Denn wenn einmal die Sonne nicht scheint, wollen auch sie mit Strom aus den öffentlichen Netzen versorgt werden. 

Einheitliche Regelung für ganz Deutschland

Um den Fehlentwicklungen entgegenzuwirken und "um die Energiewendekosten gleichmäßiger zu verteilen", empfiehlt Agora Energiewende eine Radikallösung: Die Netzentgelte sollen bundesweit vereinheitlicht werden. Dann würden die Düsseldorfer das gleiche Netzentgelt wie die Brandenburger zahlen. Die Energiewende sei ein bundesweites Projekt, also müsse es auch bundesweite Solidarität geben.

Wer sich ins Kleingedruckte seiner Stromrechnung vorwagt, der kann bereits eine Entwicklung in diese Richtung erkennen: Die Netzbetreiber erhöhen die Grundpreise. Das Netzentgelt teilt sich in der Regel bei jedem privaten Stromkunden in einen pauschalen, jährlichen Grundpreis und einen Preis für jede Kilowattstunde auf.

Nur setzt dies nach Ansicht der Studienautoren die falschen Anreize: Erhöhe sich der Grundpreis, dann würden am Ende ausgerechnet Haushalte mit geringem Verbrauch weitaus stärker belastet als solche mit einem hohen Stromverbrauch, warnen die Studienautoren. In Teilen von Schleswig-Holstein würden etwa ab kommendem Jahr die Netzkosten bei einem Verbrauch von nur 1.500 Kilowattstunden jährlich um 23,4 Prozent steigen. Wer indes mehr als 5.000 Kilowattstunden benötigt, zahle nur einen Aufschlag von 17,9 Prozent. Höhere Grundpreise seien weder verursachergerecht noch sozialverträglich, da die Haushalte mit dem geringsten Verbrauch die größten Zusatzkosten tragen, schreiben die Autoren.