Ein Freiwilliger hilft Anfang Dezember 2014, den Fluss Ciliwung in Jakarta/Indonesien nach einem Hochwasser zu säubern. © Beawihart/Reuters

ZEIT ONLINE: Herr Müller, ehrlich gesagt: Ihre Politik macht uns ratlos.

Gerd Müller: Weil ein Unionspolitiker zu wichtigen Themen wie Nachhaltigkeit, Menschenrechten und Bewahrung der Schöpfung eine Meinung hat?

ZEIT ONLINE: Nein, sondern eher, weil Sie viele große Themen ansprechen, aber nur wenig Konkretes daraus entsteht. Nehmen wir das Textilbündnis. Sie wollen die Branche verpflichten, in der Produktion Sozial- und Umweltstandards zu erfüllen. Bislang machen aber kaum Firmen mit.

Müller: Unser Ministerium ist in rund 70 Ländern aktiv. Dort passiert jeden Tag etwas Konkretes. In der Ostukraine bauen wir für mehrere Tausend Flüchtlinge winterfeste Wohnquartiere, im Nordirak eine Flüchtlingssiedlung mit Traumazentrum, in Marokko hochmoderne solarthermische Kraftwerke und mit Indien haben wir eine Kooperation vereinbart, grüne Energiesysteme für fast eine Milliarde Euro aufzubauen.

ZEIT ONLINE: Bleiben wir lieber in Deutschland. Warum ist es Ihnen nicht gelungen, mehr Unternehmen für Ihren sogenannten Grünen Knopf zu gewinnen, der die Textilproduktion als sozial und ökologisch sauber kennzeichnet?

Müller: Ich hätte mich früher persönlich in die Verhandlungen einbringen sollen. Das mache ich jetzt konsequenter. Außerdem haben wir inzwischen personell aufgestockt; anfangs waren zu wenige Mitarbeiter für die Kontakte zu Tausenden Unternehmen zuständig. Ich finde, dass wir nach einem guten halben Jahr trotzdem schon ein großes Stück vorangekommen sind.

ZEIT ONLINE: War Ihr Zeitplan zu ehrgeizig?

Müller: Ich war schon überrascht, dass ausgerechnet die Wirtschaft der Politik zum Vorwurf macht, zu schnell gearbeitet zu haben. Die Wirtschaft saß all die Monate mit am Tisch bei den Verhandlungen zum Textilbündnis. Kurz vor Gründung gingen zwei Verbände mit der Botschaft an die Presse, sie fänden die Initiative richtig und wichtig, müssten sich aber letztlich enthalten und könnten dem Bündnis nicht beitreten. Aber das ist Schnee von gestern. Wir schauen jetzt nach vorne. Und ich habe gute Signale, dass wir im kommenden Jahr mehr und mehr Mitstreiter für unsere Initiative gewinnen werden. Immerhin sind schon 50 Firmen und Organisationen dem Textilbündnis beigetreten.

ZEIT ONLINE: Das sind doch nur die Hersteller von Öko-Mode und andere übliche Verdächtige.

Müller: Nein, auch große Hersteller wie Trigema oder Vaude sind dabei. Die anderen werden kommen. Und es gibt keinen Anlass, das Engagement von Vorreitern wie Hess Natur kleinzureden. Ich führe viele Gespräche mit Unternehmern und werde noch einmal gezielt den Handel einladen. Sie werden sehen: Das Textilbündnis wird ein Erfolg.

ZEIT ONLINE: Vielleicht verlangen Sie zu viel zu schnell? Wie soll ein deutscher Textildiscounter Verantwortung für das Handeln seines Sub-Sub-Sub-Unternehmers in Bangladesch übernehmen können?

Müller: Über was reden wir hier eigentlich? Müsste es nicht eine Selbstverständlichkeit sein, dass wir Kleidung ablehnen, die in Kinderarbeit und durch grobe Verletzung von Umwelt- und Sozialstandards hergestellt wurde? Rund 15 Unternehmen in unserem Bündnis haben die Standards schon komplett umgesetzt. Der Praxistest ist also gelungen. Außerdem gibt es keine Alternative. Die Verbraucher wollen wissen, was sie auf ihrer Haut tragen und ob die Mode fair und sauber produziert ist. Natürlich gibt es Widerstand, unsere Mindeststandards sind nicht umsonst zu haben. Aber die Unternehmen profitieren davon: Höhere Standards schlagen sich in der Qualität nieder, nicht zwangsläufig in höheren Preisen.

ZEIT ONLINE: Die Hersteller klagen, Ihre Vorgaben seien zu teuer.

Müller: In China kostet die Produktion einer Outdoor-Winterjacke 35 Euro. Darin sind neben den Materialkosten auch die Löhne enthalten. Diese machen aber höchstens ein bis zwei Prozent aus; die Näherin verdient daran also nur Cent-Beträge. Im deutschen Weihnachtsgeschäft wird diese Jacke dann für 350 Euro verkauft. Hebt man den Lohn im Herstellungsland auf ein existenzsicherndes Niveau, verteuern sich die Produktionskosten minimal, vielleicht um rund einen Euro. Das ist für den Kunden praktisch nichts, aber die Näherin kann ihre Kinder in die Schule schicken, sie kann Medikamente kaufen. Wir machen über diese Lohnerhöhung riesige entwicklungspolitische Fortschritte.