Wanderarbeiter werden in der Türkei zur Arbeit abgeholt © Marcus Rohwetter/ZEIT

ZEIT ONLINE: Frau Genel, kann man auf dem Weltmarkt auch nur einen Sack türkische Haselnüsse kaufen, der garantiert frei von Kinderarbeit ist?

Sema Genel: Das wird sehr schwierig. In kleinem Maßstab geht das vielleicht, wir betreiben in der Türkei ja auch etwas Bio-Anbau und dergleichen. Wenn Sie jedoch richtig große Mengen für das Massengeschäft brauchen, ist das kaum möglich. Süßigkeiten mit Haselnüssen basieren in den meisten Fällen auf Kinderarbeit.

ZEIT ONLINE: Warum ist das so kompliziert?

Genel: Die ganze Produktionskette ist sehr unübersichtlich. An dem Geschäft sind so viele beteiligt – Bauern mit kleinen Haselnussgärten, diverse Zwischenhändler, professionelle Nussknacker-Betriebe, Verarbeiter und so weiter. Die kleinbäuerlichen Strukturen machen es schwierig herauszufinden, welche Nuss von welchem Feld kommt.

ZEIT ONLINE: Die Türkei hat eine Vereinbarung der International Labour Organization unterzeichnet, um Kinderarbeit in der Landwirtschaft bis 2015 zu verhindern. Was halten Sie davon?

Genel: Wir haben die Umsetzung bereits einmal verschoben, und das wird nun wohl ein zweites Mal passieren. Das Problem hat ja auch mehrere Ursachen und lässt sich nicht mit ein paar Modellprojekten hier und dort beseitigen.

ZEIT ONLINE: Was müsste denn getan werden?

Genel: Arbeit in der Landwirtschaft lediglich zu verbieten führt bloß dazu, dass die Kinder dann nicht mehr auf dem Acker schuften, sondern in irgendwelchen Industriebetrieben. Damit wäre ihnen aber nicht geholfen. Wir müssen den Familien also Alternativen anbieten. Wir brauchen ein Soziales Netz, das ihnen gestattet, ihre Kinder nicht zur Arbeit schicken zu müssen. Danach können wir darüber reden, wie wir ihnen die Chance auf eine Schulbildung verschaffen.

ZEIT ONLINE: Ein großer Teil türkischer Haselnüsse landet früher oder später in Deutschland. Was können deutsche Verbraucher beitragen?

Genel: Wir brauchen mehr Druck aus dem Ausland, damit sich hier etwas ändert. Unternehmen und Verbraucher müssen immer wieder auf das Problem aufmerksam machen. Das registrieren die türkischen Behörden sehr genau. Letztlich aber muss der Wille zu echten Reformen auch hierzulande vorhanden sein.

Dieses Interview ist eine Ergänzung zur Titelstory "Bittere Schokolade" aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

ZEIT ONLINE: Was tun die internationalen Süßwarenkonzerne, die hier im großen Stil Haselnüsse einkaufen?

Genel: Einen echten Wandel sehe ich nicht. Aber immerhin haben manche die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Problem gelenkt. Wer will, kann schon großen Einfluss nehmen.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Genel: Als Hilfsorganisation befassen wir uns mit dem Management von Notunterkünften, etwa nach Naturkatastrophen. Wir hatten auch von den Lagern der Wanderarbeiter gehört, die mit ihren Familien im ganzen Land umherziehen und mal Kartoffeln, mal Zuckerrüben und mal Haselnüsse ernten. Erst wollten uns die türkischen Behörden verbieten, dort überhaupt hinzugehen. Nachdem aber die Caritas und die deutsche Rewe-Gruppe das Thema aufgegriffen haben, war das plötzlich möglich. Sonst hätten wir vielleicht niemals erfahren, wie schlimm es in den Lagern aussieht und wie viele Kinder in der Landwirtschaft arbeiten.