ZEIT ONLINE: Frau Ministerin, warum dauert das hier so lange?

Barbara Hendricks: Was? 

ZEIT ONLINE: Die Verhandlungen. Auch auf diesem Klimagipfel feilschen die Unterhändler mit enormem Aufwand um technische Details. Es sind zähe Gespräche, mit absehbar begrenztem Ergebnis. Ist das den Wählern noch zu vermitteln?

Hendricks: Wieso absehbar begrenzt? Wir kämpfen hier für den Erfolg! Ich verstehe, wenn die Bürgerinnen und Bürger das mit Distanz sehen. Aber ich glaube, in einer Sache sind wir uns in Deutschland alle einig: Wir müssen dafür sorgen, dass die Welt nicht untergeht an ihrer eigenen Verschmutzung.

ZEIT ONLINE: Eine Delegierte aus Malawi, die seit Jahren zu den Klimakonferenzen fährt, sagte mir, sie sei abgestoßen von dem ganzen Aufwand. Während hier noch verhandelt werde, müssten die Leute bei ihr zu Hause schon mit den Folgen der Erderwärmung klarkommen. Was erwidern Sie?

Hendricks: Dass die Weltgemeinschaft beim Klimaschutz schlicht keine Alternative zu diesem mühsamen Prozess hat. Natürlich wirken manche Rituale dabei möglicherweise überflüssig. Aber es geht um die Zukunft der Welt, und die kann man nicht in kleinen Gruppen in Hinterzimmern verhandeln. Dazu gehört dann eben, dass sich einmal im Jahr Tausende Teilnehmer aus aller Welt treffen. Regierungsvertreter, NGOs, Wissenschaftler und Medien. Ich hoffe sehr, dass die vielen Konferenzen auf dem Gipfel 2015 Paris zu einem guten Ergebnis führen.    

Es geht um die Zukunft der Welt, die kann man nicht im Hinterzimmer verhandeln

ZEIT ONLINE: Was für ein Ergebnis wäre das?

Hendricks: Wenn wir hinbekommen, was wir uns vorgenommen haben: Alle stimmen zu, dass jedes Land nach seinen Möglichkeiten dazu beiträgt, das vereinbarte Klimaschutz-Ziel zu erreichen; in der Treibhausgasminderung, in der Finanzierung und in der Anpassung an die Erderwärmung. Dann könnte es auch sein, dass solche Riesentreffen nicht mehr jedes Jahr nötig sind.

ZEIT ONLINE: Im Moment scheinen die Verhandlungen aber zu stocken.  

Hendricks: Wir haben mit einer richtig guten Grundstimmung begonnen, aber sie trug nur bis vorgestern. Und in den letzten Tagen kommt es natürlich für jede Delegation darauf an, auch in den Details möglichst hart zu verhandeln. 

ZEIT ONLINE: Wo hakt es besonders?

Hendricks: Es gibt einen Grundsatzkonflikt. Manche Entwicklungsländer bestehen auch für die Zukunft auf einer strikten Unterscheidung: zwischen den Industriestaaten – die sich durch das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz verpflichtet haben – und den übrigen Ländern, die bisher keine Verpflichtungen eingegangen sind. Diese Trennung wollen wir nicht mehr, denn sie ist nicht mehr zeitgemäß.

ZEIT ONLINE: Warum?

Hendricks: Eines der Prinzipien des angestrebten Pariser Vertrages ist: Alle Länder sollen in die Verpflichtung zur Treibhausgasminderung einbezogen werden. Jedes Land soll sich seine eigenen Reduktionsziele selbst setzen können, das aber verbindlich, transparent und nachprüfbar. Und es muss klar sein, auf welche Art man die klimapolitischen Fortschritte der einzelnen Länder bewerten und vergleichen will.

Wir sind uns einig: Jedes Land muss so viel zum Klimaschutz beitragen, wie es kann – nach seinem aktuellen Entwicklungsstand und der jeweiligen historischen Verantwortung. Auch die Klima-Finanzierung wird so ähnlich funktionieren. Es ist ein sehr flexibles Modell, das die alten Trennlinien nicht mehr braucht. Auch China muss das Klima schützen, und vor allem muss das Land akzeptieren, dass sich seine Fortschritte international nachvollziehen lassen.

ZEIT ONLINE: Das ist ein sehr grundsätzlicher Konflikt. Der Klimagipfel dauert nicht mehr lange, wie wollen sich die Länder da einigen?

Hendricks: Es ist in der Tat nicht einfach. Eine Möglichkeit könnte sein, Finanzierung und Emissionsziele im Abschlussdokument von Lima unterschiedlich zu behandeln.

China investiert schon jetzt sehr viel

ZEIT ONLINE: Stichwort Finanzierung. Gibt es Hinweise darauf, dass Länder wie China, Indien oder die Ölstaaten in Zukunft Geld für den Klimaschutz oder die Anpassung anderswo geben, zum Beispiel über den Green Climate Fund?

Hendricks: Einige werden das auch über den Klimafonds tun. Kolumbien und Peru haben beispielsweise gerade Beiträge geleistet. Das ist sehr bemerkenswert. China investiert schon jetzt sehr viel, gerade in Afrika und Lateinamerika. Entscheidend wird sein, dass diese Investitionen in Zukunft klimafreundlich sind. Die 100 Milliarden Dollar, die ab 2020 jedes Jahr für Klimaschutz und Anpassung zur Verfügung stehen sollen, laufen ja nicht alle über den Fonds. Ein Teil wird übrigens auch aus privaten Mitteln stammen.

ZEIT ONLINE: Wie sind die deutschen Finanzzusagen aufgenommen worden?

Hendricks: Sehr gut. Damit haben wir sicher zur Vertrauensbildung beigetragen. Deutschland gilt hier als verlässlicher und glaubwürdiger Partner, sowohl in den Fragen der Finanzierung als auch bei den Anstrengungen beim Klimaschutz im eigenen Land.

ZEIT ONLINE: Schafft Deutschland zu Hause den Ausstieg aus der Kohle schnell genug?