Am Freitagabend verbreitete Perus Umweltminister Manuel Pulgar Vidal noch Optimismus. "Wir haben es fast geschafft", erklärte er den Delegierten auf dem Klimagipfel in Lima. "Ich bin sicher, wir werden eine Einigung finden." Pünktlich um sechs Uhr Ortszeit wolle er mit einem Pisco Sour auf das Abschlusspapier anstoßen, sagte Pulgar Vidal.

Er wird noch eine Weile auf seinen Drink warten müssen, denn die Gespräche gingen dann doch in die Verlängerung. Weit nach Mitternacht ist der Streit um Emissionsziele und Finanzen noch immer ungelöst.

Dabei war die Stimmung zunächst gut. Dennoch scheint eine Einigung in Lima nun schwierig, denn es geht es um eine Grundsatzfrage: Sollen künftig in der Klimapolitik für Industrie- und Entwicklungsländer die gleichen Regeln gelten? Das würde bedeuten, dass beispielsweise China sich mit gleichem Maß messen ließe wie die Industrieländer, die vor 17 Jahren das Kyoto-Protokoll unterzeichneten. Mit aller Macht sträuben sich offenbar vor allem die chinesischen, indischen und saudi-arabischen Unterhändler in Lima dagegen. Am Samstag gehen daher die Verhandlungen weiter, verkündete das UN-Klimasekretariat.

Emissionsziele für alle wären fair

Saudi-Arabien hat eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt – auf Klimakonferenzen verteidigt es den Status eines Entwicklungslandes dennoch zäh. Ein schärferer internationaler Klimaschutz könnte den Wert der Ölvorräte mindern, auf denen der Reichtum des Landes basiert. Auch im Fall von China oder Indien ist das Widerstreben verständlich. Je strenger der Klimaschutz ist, zu dem sie sich verpflichten, und je härter die internationale Kontrolle, desto eher werden sie an Wachstum verlieren. Doch beide sind auf Wirtschaftswachstum angewiesen: Trotz der rasanten Entwicklung der jüngsten Zeit leben zum Beispiel in China immer noch zig Millionen Menschen in Armut. 


Im internationalen Klimaschutz wird ohne die Schwellenländer bald nicht mehr viel gehen. Wenn das vor einigen Jahren grundsätzlich vereinbarte Zwei-Grad-Ziel erreichbar bleiben soll, müssen auch sie künftig ihre Emissionen reduzieren. Im Moment steuert die Welt eher auf eine Erwärmung von etwa drei Grad zu. Um sie zu vermeiden, braucht man eine stärkere Einbindung der wirtschaftlich aufstrebenden Staaten.  

Sie wäre auch wirtschaftlich sinnvoll, zumindest global betrachtet: In den Industriestaaten wird es immer teurer, den Ausstoß von Treibhausgasen weiter einzuschränken. In den Entwicklungs- und Schwellenländern aber kann man mit vergleichsweise geringem finanziellen Aufwand noch viel erreichen. So gesehen wäre es fair, strenge Emissionsziele für alle festzulegen. Um einen Ausgleich zu schaffen, könnten die reichen Staaten die Entwicklungs- und Schwellenländer finanziell in der Klimapolitik unterstützen.

Doch für China, Indien und Co. geht es in Lima zunächst einmal um nationale Interessen, und diese verteidigen sie hart. Die Industriestaaten ihrerseits haben bereits finanzielle Zusagen gemacht. In Lima versprachen sie mehr Geld für den Grünen Klimafonds – in den allerdings auch arme Länder einzahlen wollen – und andere Töpfe der internationalen Klimapolitik. Jetzt weigern sie sich, der Gegenseite weiter entgegenzukommen.

"Abkommen, das uns unter Wasser setzt"

Das Abschlusspapier von Lima soll den Weg bahnen zu einem Weltklimavertrag, wie er vor fünf Jahren in Kopenhagen nicht zustande kam. Er soll im kommenden Jahr unterschriftsreif sein, und in ihm sollen sich alle Staaten zum Klimaschutz verpflichten – so viel zumindest scheint bislang klar. Die Idee dahinter klingt charmant: Jeder Staat entscheidet zunächst selbst, wie viel er verspricht. Dann wird berechnet, wie weit man damit kommt und wie viel noch zum Zwei-Grad-Ziel fehlt. Verhandlungen und politischer Druck sollen schließlich helfen, die Lücke zu schließen.

So weit, so optimistisch. Doch der Teufel steckt wie so oft im Detail. Die nationalen Klimaziele müssen vergleichbar sein, fordern die Industriestaaten, unter ihnen auch Deutschland, und die vom Klimawandel besonders betroffenen Länder. "Wir sollen hier ein Abkommen unterzeichnen, das uns unter Wasser setzt. Das ist nicht fair", sagte Marlene Moses, die Sprecherin des Inselstaates Nauru, in Lima. Vor allem aber müssten die Schwellenländer bereit sein, sich ebenso strengen Kontrollen zu unterwerfen wie die Industrieländer, und sie müssten den ärmeren Staaten irgendwann auch Geld geben für die Anpassung an Klimaschäden. Gegen beides wehren sie sich vehement.