Die größte Frage dieses Klimagipfels wird in Lima vermutlich nicht mehr gelöst: Welchen Regeln muss sich die Klimapolitik der wirtschaftlich starken Schwellenländer künftig unterwerfen? Für die Industriestaaten ist die Sache klar: Sie wollen die strenge Trennung zwischen ihnen und Ländern wie China, Indien oder Saudi-Arabien abschwächen. Die sogenannte Brandmauer war bisher ein zentrales Element des Verhandlungsprozesses.

Die EU, die USA und mit ihnen einige Entwicklungsländer fordern aber: Auch die wohlhabenden Schwellenländer sollen klimapolitische Verantwortung übernehmen, durch konkrete Emissionsziele und Finanzhilfen für arme Länder, und sie sollen sich mit gleichem Maß messen lassen wie die Industriestaaten. Die Welt habe sich fundamental verändert, seit im Jahr 1997 das Kyoto-Protokoll unterzeichnet wurde, argumentieren sie. Doch die Gegenseite wehrt sich auch an diesem Samstag, einen Tag nach dem offiziellen Ende des Gipfels, mit aller Kraft.

Samstag früh gegen halb vier hatte der Gipfelpräsident Manuel Pulgar Vidal die Unterhändler in eine nächtliche Pause entlassen. Da lag gerade ein neues Verhandlungspapier vor, das einen Kompromiss möglich zu machen schien. Doch vor der Debatte darüber verordnete Pulgar Vidal den Delegierten eine Mütze Schlaf. Um zehn Uhr Ortszeit sollten die Diskussionen fortgesetzt werden.

NGOs kritisieren Entwurf als "gefährlich schwach"

Der neue Entwurf schien geschickt formuliert. Er verzichtete auf die ausdrückliche Trennung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, ließ aber dennoch Hintertüren für die Schwellenländer offen. Er fasste die Pflichten der Unterzeichnerstaaten so vage, dass Umweltaktivisten ihn als deutlich verwässert kritisierten. Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer der Organisation Germanwatch, bezeichnete das Papier als "nicht ambitioniert". Ein Oxfam-Klimaexperte sagte, der Entwurf sei "gefährlich schwach, fast ein Worst Case". Auch die Entwicklungsländer protestierten, sie seien nicht ausreichend in die Formulierung des Papiers einbezogen worden, und verlangten stärkere Finanzzusagen.

Der Entwurf werde alle Parteien unglücklich machen, sagte selbst der Moderator der Verhandlungen, Artur Runge-Metzger. Dennoch war die Hoffnung groß, dass auf seiner Basis eine Einigung möglich sei.

Am Samstag aber treten die Gespräche immer noch auf der Stelle. Der Saal ist klar gespalten und die Schwellenländer argumentieren vehement. Es seien gleich mehrere rote Linien überschritten worden, sagte ihr Sprecher, der Vertreter Malaysias. "Wir haben unsere Kriterien mehrmals klar kommuniziert", erklärte er, doch das sei ignoriert worden. "Was erwarten Sie noch? Sollen wir auf den Knien rutschen?"

Ein Ende der Debatte ist nicht absehbar. Gegen halb zwei Uhr Ortszeit wurde entschieden, den Kompromissentwurf noch einmal zu öffnen. Möglicherweise wird der Gipfel nun sogar um einen weiteren Tag verlängert. Zu Beginn der Konferenz in Lima war der Optimismus groß. Jetzt aber scheint alles auf eine Minimallösung hinauszulaufen. "Jedes Mal, wenn wir diesen Text öffnen, erhalten wir danach eine neue Version, die noch mehr Optionen offen lässt als zuvor", sagte der Sprecher Belizes. So könnte am Ende ein sehr vages Papier verabschiedet werden. Eine andere Möglichkeit wäre, dass sich der Gipfel vertagt und im kommenden Frühjahr in Genf weiter berät.

Für den internationalen Klimaschutz aber bieten beide Alternativen keine guten Aussichten. Je näher die entscheidende Konferenz rückt, die Ende 2015 in Paris stattfinden soll, desto schwieriger wird es, die strittigen Punkte bis dahin auszuräumen.