Für die Beschäftigten des D+S communication center in Lietzow auf Rügen fängt das neue Jahr gut an. "97 Prozent unserer rund 500 Mitarbeiter profitieren von der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns zum 1. Januar", sagt Christian Fischer, Personalleiter des Callcenters. D+S ist der größte Arbeitgeber auf der Ostseeinsel. Trotz des Tourismus: Gut verdient hat man hier bisher nicht. Der Landkreis Rügen hat das niedrigste Lohnniveau in ganz Deutschland.

6,75 Euro pro Stunde verdienten die Angestellten von D+S in der niedrigsten Gehaltsgruppe bisher. Wer Vollzeit arbeitete, kam so auf 1169 Euro monatlich, brutto. Durch den neuen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde erhöht sich die Summe um 304 Euro oder 26 Prozent. Das dürfte deutlich zu spüren sein.

Bundesweit haben nach Angaben des Arbeitsministeriums rund 3,7 Millionen Menschen ab dem 1. Januar 2015 Anspruch auf den Mindestlohn. Callcenter-Mitarbeiter sind darunter eine typische Gruppe. Profitieren sollten aber auch viele andere: Angestellte im Einzelhandel, Beschäftigte im Hotel- und Gaststättengewerbe, Paket- und Kurierdienstfahrer, Bäcker, Floristen und Werbeausträger.

Weniger arbeiten fürs gleiche Geld

Es gibt auch Sonderfälle, zum Beispiel die Minijobber. Wer sich bisher sozialversicherungsfrei 450 Euro im Monat hinzuverdient hat, bekommt künftig zwar nicht mehr Geld. Er muss für denselben Betrag im Zweifelsfall aber etwas weniger arbeiten als bislang, maximal 53 Stunden im Monat. Bemerkbar machen wird sich der Mindestlohn auch für manchen, der bisher zusätzlich zu seinem Lohn auf staatliche Unterstützung angewiesen war. Zumindest voll erwerbstätige Singles dürften das künftig nicht mehr nötig haben. Die Zahl der sogenannten Aufstocker werde um 60.000 zurückgehen, schätzt die Bundesagentur für Arbeit.

Doch trotz des neuen Mindestlohns: Zumindest in den kommenden zwei Jahren wird es in Deutschland immer noch viele Menschen geben, die weniger als 8,50 Euro in der Stunde verdienen. Denn die Bundesregierung hat in ihr Gesetz einige Ausnahmen und Übergangsfristen eingebaut. Die wichtigste: Alle Branchen, in denen Arbeitgeber und Gewerkschaften bis zum Jahreswechsel allgemein verbindliche Tarifverträge abgeschlossen haben, können den Mindestlohn von 8,50 Euro langsamer – spätestens bis zum 1.1.2017 – einführen. Sieben Branchen haben von dieser Übergangsregelung Gebrauch gemacht. Zu ihnen gehören die Fleischindustrie, die Land- und Forstwirtschaft oder die Wach- und Sicherheitsdienste. Nicht alle nutzten die Übergangsfrist voll aus. Im Friseurhandwerk zum Beispiel wird der allgemeine Mindestlohn schon ab August kommenden Jahres eingeführt.

Auch nach 2017, wenn der Mindestlohn endgültig für alle Branchen gelten soll, bleiben jedoch einige Ausnahmen erhalten. Grundsätzlich keinen Anspruch auf die 8,50 Euro pro Stunde haben Jugendliche unter 18 Jahren, die noch keine abgeschlossene Berufsausbildung haben und alle, die im Rahmen ihrer Ausbildung ein Praktikum absolvieren. Auch ehemaligen Langzeitarbeitslosen muss der Arbeitgeber während der ersten sechs Monate keinen Mindestlohn zahlen.

Viele Möglichkeiten zu tricksen

Eine ganz andere Frage ist, ob diejenigen, die schon jetzt Anspruch auf den Mindestlohn haben, diesen auch bekommen werden. Das Institut Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnen längst davor, dass Arbeitgeber vielfältige Möglichkeiten hätten, den Mindestlohn zu umgehen.

So könnten sie zum Beispiel versuchen, Fahrt- und Pausenzeiten nicht mehr als Arbeitszeiten zu werten. In der Taxi-Branche werden Fahrern bereits Verträge angeboten, nach denen die Zeit, in der sie auf Kunden warten, nicht als Arbeitszeit gelten soll.

Vor allem bei der Dokumentation der Arbeitszeiten gibt es vielfältige Manipulationsmöglichkeiten. Und die Bundesregierung hat dem, wie der DGB beklagt, mit einer Verordnung sogar noch Vorschub geleistet. So müssen Arbeitgeber von mobil Beschäftigten – also etwa Paketzustellern, Angestellten der Stadtreinigung oder von Transportunternehmen – nicht den Beginn und das Ende, sondern nur die Dauer des Arbeitseinsatzes dokumentieren. Das sei eine Einladung, die Zeit falsch und lasch zu erfassen, moniert der DGB.