In der Landwirtschaft werden viele Saisonkräfte beschäftigt – bislang in der Regel weit unter dem Mindestlohn. ©dpa/Arne Dedert

ZEIT ONLINE: Herr Müller, Sie betreiben einen typischen Obstbauernhof mit wenigen Festangestellten und rund 50 Aushilfskräften in der Hochsaison. Was bezahlen Sie bislang?

Franz-Josef Müller: Zwei Mitarbeiter sind fest angestellt, die anderen sozialversicherungsfrei. Alle kommen aus Polen. Bislang habe ich fünf Euro pro Stunde bezahlt, das ist mein unterster Durchschnitt. Da war Unterkunft und Verpflegung mit dabei. Für Erntearbeiten gilt der Akkord: Pro Steige, die fünf Kilo entspricht, bekommt man 2,20 Euro. Gute Kräfte schaffen vier Steigen in der Stunde und kommen so auf mehr als acht Euro. Im Durchschnitt waren es 6,60 Euro. Weil wir als Mittelständler eine überschaubare Größe haben, funktioniert viel über Vertrauen.

ZEIT ONLINE: Was heißt das?

Müller: Ich habe die Stunden nicht mit der Stechuhr festgehalten, das machen meine Leute selbst. Ich habe ihnen vertraut und nicht auf jede kleine Zigarettenpause geachtet. Das wurde großzügig gehandhabt. Die Leute waren zufrieden mit dem, was sie verdient haben.

ZEIT ONLINE: Was macht Sie da so sicher?

Müller: Vor vier Jahren sind drei Saisonkräfte nach England gegangen, weil dort mehr gezahlt wird. Allerdings zog ihnen dort der Chef jede Zigarettenpause vom Lohn ab und es gab Streit wegen der Stundenabrechnung. Zudem mussten sie die teure Wohnung selbst bezahlen. In der Stunde haben sie zwar mehr verdient, aber am Ende weniger mit nach Hause genommen. Im nächsten Jahr waren sie wieder da. Wie man miteinander umgeht, das macht den Unterschied aus.

ZEIT ONLINE: Wie sieht dieser Umgang bei Ihnen aus? 

Müller: Wir haben den bislang geltenden Tariflohn von 6,90 Euro ja formell unterschritten. Das war legitim, weil wir an anderer Stelle so entgegenkamen, dass faktisch mindestens der Tarif bezahlt wurde: Die Arbeiter konnten die Wohnung nutzen, die Waschmaschine, sie bekamen warmes Essen und Getränke. Wenn sie nicht gearbeitet haben, konnten sie die Autos nehmen, um zum Baggersee zu fahren.

ZEIT ONLINE: Der Mindestlohn soll auch jene schützen, deren Chefs sie ausnutzen und die geringe Bezahlung nicht ausgleichen. Eigentlich richtig, oder?

Müller: Wer mit seinen Mitarbeitern schlecht umgeht, sieht sie im nächsten Jahr nicht wieder. Ich mute niemand mehr zu, als ich selbst ertragen würde.

ZEIT ONLINE: Wie wird der Mindestlohn Ihre Arbeit noch verändern?

Müller: Der Mindestlohn wird in der Landwirtschaft stufenweise eingeführt. Von 7,40 Euro im kommenden Jahr auf 8,60 im Jahr 2017. Bei den derzeitigen Preisen ist das ein Sterben auf Raten. Dazu kommt die Bürokratie: Wir müssen für jeden Arbeiter jede Stunde und Pause protokollieren und nachweisen, dass nicht mehr als zehn Stunden pro Tage gearbeitet wird. Dabei wollen meine Arbeiter mehr arbeiten, denn die Saison dauert ja nicht ewig.

ZEIT ONLINE: Wie sieht Ihre Kalkulation aus: Was verdienen Sie beispielsweise an Erdbeeren?

Müller: Der Kilopreis liegt häufig nur noch bei einem Euro. Macht einen Erlös von 15 Euro für eine Ernte von 15 Kilogramm, die ein durchschnittlicher Arbeiter in der Stunde schafft. Wenn ich ihm dafür 7,40 beziehungsweise 8,60 Euro zahlen muss und die Nebenkosten wie den Transport auf den Markt dazurechne, bleibt praktisch nichts übrig. Die Konsequenz ist: Bei solchen Preisen werden Felder nicht mehr abgeerntet. Das kann sich auf die Dauer keiner leisten.

ZEIT ONLINE: Sie werden reagieren müssen. Wie?  

Müller: Die Akkordbezahlung werde ich wahrscheinlich abschaffen. Durch den höheren Lohn bin ich bin gezwungen, stärker auf die Leistung zu achten. Bislang gab es immer eine Handvoll schwächere Leute, die ich mitgenommen habe. Das geht jetzt nicht mehr, ich muss die Schwächeren nach Hause schicken und kann nur die schnellen halten. Zigarettenpausen wird es nur noch nach der Arbeit geben. Die Bedingungen werden härter. Es wird unmenschlicher. Ansonsten müsste ich den Betrieb schließen.

ZEIT ONLINE: Wie wollen Sie die Leistung der Arbeiter jetzt im Blick behalten?

Müller: Durch Kontrolle. Wer keine Leistung bringt, fliegt. Von sechs Leuten weiß ich jetzt schon: Die kann ich nicht mehr gebrauchen. Die waren zum Teil zehn Jahre da.