Wer hätte das erwartet: Die Rohölpreise sind seit dem Sommer im freien Fall. Im Juni kostete die weltweit wichtigste Ölsorte Brent 110 Dollar pro Fass. Aktuell sind es nur noch 60 Dollar. Abzüglich immer höherer Rabatte: Am Persischen Golf müssen für viele Ölsorten nur noch 55 Dollar gezahlt werden. Im Norden der USA gehen die Produzenten schon unter die 50-Dollar-Marke.

Für viele Menschen ist die Halbierung des Ölpreises ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk: In Deutschland sparen die Konsumenten jeden Monat an der Tankstelle oder im Heizungskeller insgesamt drei Milliarden Euro; europaweit sind es 15 Milliarden, weltweit an die 80 Milliarden Euro. In Südasien nutzen die Regierungen die Gunst der Stunde und bauen Benzin- und Dieselsubventionen ab; andere Länder wie China erhöhen die Energiesteuern. Selbst Lebensmittel könnten billiger werden, da auch die Agrarindustrie – übrigens ebenso wie die Kohleindustrie – viel Öl benötigt.

Die Ursache des Preissturzes ist schnell beschrieben: Der Ölmarkt ist zu einem ganz normalen Wettbewerbsmarkt geworden, in dem Anbieter mit niedrigen Kosten die Produzenten mit hohen Kosten vom Markt verdrängen wollen. Zuletzt hat es dies Ende der 1990er Jahre gegeben, kurz nach der Asienkrise, und Mitte der 1980er Jahre. Damals hatte Nordseeöl – ähnlich wie Schieferöl heute – die Saudis in Bedrängnis gebracht und einen Preiskrieg ausgelöst.

Seit Jahrzehnten wird die Ölwelt von einem unausgesprochenen Deal geprägt: Das Kartell, also vor allem Saudi-Arabien, verknappt das Angebot und sorgt so für Ölpreise, die weit über den Produktionskosten liegen. Auf annähernd 1.000 Milliarden Dollar pro Jahr belaufen sich die Exporteinnahmen der Kartellmitglieder – die größte organisierte Vermögensumverteilung der Geschichte. Der Ölpreis konnte deshalb nicht dauerhaft fallen. Im Gegenzug halten die Kartellmitglieder Reservekapazitäten vor, die sie einsetzen können, sobald die Ölversorgung gefährdet ist. Die Saudis sind dadurch eine Art Öl-Zentralbank geworden, auf die sich alle verlassen. Beide Seiten – Ölstaaten und Importländer – waren zufrieden.

Dieses Arrangement stellt die Ölversorgung allerdings auf den Kopf: Ausgerechnet der Produzent mit den niedrigsten Kosten, nämlich Saudi-Arabien, war der Swing-Producer, der den Markt immer wieder ins Gleichgewicht brachte. Die teuren Produzenten, also Tiefwasserprojekte, Schieferölvorkommen oder Ölsandminen förderten unverdrossen und völlig unabhängig von der Marktsituation.

Im Sommer kippte die Situation

In den vergangenen Jahren haben sich die Ölpreise kaum bewegt. Die Ruhe war jedoch das Ergebnis eines labilen Gleichgewichts: Auf der einen Seite kam es immer wieder zu größeren Ausfällen (Libyen, Iran, Nordirak, Südsudan etc.); auf der anderen Seite bauten die USA ihre Ölproduktion aus Schiefergestein rasant aus.

Im Sommer kippte die Situation: Eine schwache Nachfrage traf auf eine kurzzeitige Erholung in Libyen und die Lager liefen voll. Der Preisdamm brach. Prompt blickte die Branche reflexartig auf die Saudis, die Kuweitis und die Emirate. Wie 2008/2009 nach dem Einbruch der Weltwirtschaft sollten sie die Ölwelt durch deutliche Produktionskürzungen wieder in Ordnung bringen.

Doch die Scheichs in Saudi-Arabien sehen sich selbst unter Druck: US-Schieferöl, steigende irakische Exporte und iranisches Billigöl machen ihnen das Leben schwer. Besonders im letzten expandierenden Ölmarkt der Welt, in Süd- und Ostasien, wird mit Rabattschlachten und Direktinvestitionen um Marktanteile gekämpft. Der Exportverzicht könnte also verpuffen und letztlich nur zum Verlust von Marktanteilen führen.

Es herrscht ein Verdrängungswettbewerb

Das absolutistische Königshaus der Saud forderte daher die Solidarität der Kartellkollegen und der anderen großen Ölexporteure ein, darunter vor allem Russland und die USA. Die Initiative lief jedoch ins Leere. Anscheinend waren die ölpolitischen und ideologischen Gegensätze zu groß, um eine konzertierte Aktion auf die Beine zu stellen. Nach dem Opec-Meeting am 27. November ließen die Saudis die Bombe platzen: Keine Produktionskürzung, nicht einmal eine verbale Andeutung. Jeder muss schauen, wo er bleibt.

Die Ölproduzenten der Welt müssen seither mit der ungewohnten Situation eines Verdrängungswettbewerbs zurecht kommen. Die Preise werden sich erstmals seit langer Zeit den Kosten annähern. Sie sinken so lange, bis die ersten Produzenten das Handtuch werfen. Derzeit wird rund eine Millionen Fass Rohöl pro Tag zu viel produziert. Im nächsten Frühjahr, wenn die Nachfrage traditionell besonders schwach ist, könnten sogar die Lagerkapazitäten knapp werden.

Werden die Preise rasch wieder Richtung 100 Dollar steigen? Eher nicht: Projekte, die schon produzieren oder auch nur durchfinanziert sind, werden weiter laufen, denn die variablen Kosten der Ölförderung liegen fast überall unter 20 Dollar pro Fass. Nur dort, wo neue Investitionsentscheidungen anstehen, wird verschoben und gekürzt.

Diese neuen Projekte sollen aber im nächsten Jahrzehnt die immer noch steigende Ölnachfrage der Welt decken. Niedrige Ölpreise heute werden deshalb zwangsläufig zu umso höheren Preisen in der Zukunft führen. Zumal nach 2020 nach Meinung fast aller Experten der Schieferölboom der USA ausläuft.

Der Markt kommt also von selbst wieder ins Gleichgewicht, mit oder ohne Opec. Die Preise werden im Trend steigen, weil die Produktion immer aufwendiger wird. Und riskanter: Fracking, Tiefseeöl, Ölsand und Kohleverflüssigung sind nicht nur teuer, sondern werden die Umwelt und das Klima noch stärker belasten als die bisherigen Methoden.

Hohe geopolitische Risiken

Was viele Ölverbraucher von der Airline bis zum Autofahrer erst einmal entzückt, birgt beträchtliche Risiken für die Stabilität von Regionen, die von hohen Ölpreisen leben.

Sollten die Ölpreise niedrig bleiben, werden Länder mit ohnehin labilen Haushalten in kurzer Zeit zusammenbrechen. Venezuela und Nigeria könnte es schon 2015 als erste treffen. Nach zwei bis drei Jahren wäre auch Russland, das zudem noch von den Sanktionen hart getroffen wird, zahlungsunfähig – oder Moskau müsste den Sozial- und Militärhaushalt radikal kürzen. Viele mittelständische Schieferölproduzenten in den USA werden insolvent und von finanzkräftigeren Konkurrenten geschluckt. Saudi-Arabien, Kuweit und die Emirate können dank großer Finanzpolster noch ein paar Jahre länger durchhalten.

Aber auch exportabhängige Länder wie Deutschland werden zweimal hart getroffen: Kurzfristig, wenn wichtige Absatzmärkte für Investitionsgüter und Fahrzeuge in Russland und in Übersee kollabieren. Mittelfristig, wenn der Investitionseinbruch in der Ölbranche im nächsten Jahrzehnt die Preise auf neue Rekordhöhen steigen lassen könnte.

Berlin und Brüssel wären also gut beraten, nicht nur auf das konjunkturelle Strohfeuer zu achten, das nun entfacht wird. Niedrige Ölpreise stellen auch für die Ölimporteure eine politische Herausforderung dar, die von der Außenpolitik über die Energiepolitik bis zur Umwelt- und Klimapolitik reicht.