Putins Konterfei wird nach einer Ausstellung in der Duma abgehängt. © Natalia Kolesnikova/AFP/Getty Images

Die Stimmung war sehr feierlich, als Gazprom-Chef Alexej Miller vor zwei Jahren den Bau der Gaspipeline South Stream als "Europas größtes Infrastruktur-Projekt" ankündigte. Präsident Wladimir Putin herzte den früheren Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau, der dem Aufsichtsrat der Pipeline vorsitzt. Dann schweißten Arbeiter zwei Rohre zusammen. Sie sollten eine Pipeline der Superlative symbolisieren, die russisches Gas durch das Schwarze Meer auf den Balkan und bis nach Österreich bringen würde.

Am Montag trat Miller ohne Schweißer auf: "So, das Projekt ist geschlossen", sagte er nur.

South Stream, eines der teuersten Prestigevorhaben Gazproms, wird durch eine Pipeline in die Türkei ersetzt: weil die Europäische Kommission die Fortschritte bei South Stream anhaltend behindere, begründete Putin seine Entscheidung. Das bedeutet allerdings nicht den Abschied Gazproms vom europäischen Markt. Europa bleibt für Gazprom auch in Zukunft der wichtigste Verkaufsplatz, viele europäische Länder sind weiterhin von russischem Gas abhängig, und auch durch die Türkei-Pipeline könnte in Zukunft viel Gas nach Europa fließen.

Die europäischen Sanktionen gegen Russland sind nicht der einzige Grund für das Ende von South Stream. Das Projekt entsprang der Gazprompolitik früherer Zeiten, als der Gasmarkt noch auf lange Sicht kalkulierbar war und eine Pipeline Lieferant und Kunde für Jahrzehnte fest verband. Die erfolgreiche Gewinnung von Schiefergas und der wachsende Handel mit Flüssiggas haben das verändert.

Die Ukraine gewinnt

Zudem war South Stream von Anfang an ein politisches Vorhaben. Die Schwarzmeer-Röhre sollte einen Transit durch die Ukraine mit all seinen Problemen umgehen und den europäischen Gegenentwurf der Nabucco-Pipeline verhindern. Aus russischer Sicht wäre es ein weiterer Pipelinearm geworden, der Europa warm umarmt. Aus Sicht der Kritiker auch in Brüssel war es der Versuch Gazproms, Europa in den Schwitzkasten zu nehmen; ein Versuch, dessen Kosten zuletzt auf 23,5 Milliarden Euro geschätzt wurden. Mittlerweile ist das Russland  zu teuer.

Nicht nur für Gazprom-Aktionäre ist das eine gute Nachricht. Da die Gewinne sinken, muss das Unternehmen ohnehin seine Investitionen kürzen und mehr Effizienz anstreben. Auch die Regierung in Kiew kann durchatmen: Die Ukraine gewinnt für die nächsten Jahre als Gastransitland wieder an Gewicht, weshalb Moskau umso mehr an einer Stabilisierung des Nachbarlandes gelegen sein muss. Kiew hat zudem einen frischen Trumpf im Ärmel bei der Suche nach einem Geldgeber, der die Renovierung der bestehenden Ost-West-Gaspipeline mitträgt.

Putins Entscheidung gegen South Stream macht offensichtlich, dass die Zeit des unbeschwerten Geldausgebens in Russland vorbeigeht. Ein neues Wort könnte im nächsten Jahr bedeutend werden: Sparen. Denn für einen ausgeglichenen Staatshaushalt braucht Russland einen Ölpreis von wenigstens 100 Dollar pro Fass, da Öl- und Gasexporte allein die Hälfte der Staatseinnahmen einbringen. Im Moment liegt der Preis aber bei knapp über 70 Dollar.