ZEIT ONLINE: Herr Müller, viele Verbraucher sind gegen das TTIP-Abkommen mit den USA. Sie fürchten schlechtere Standards; das berühmte Chlorhühnchen ist nur ein Beispiel. Die Verbraucherzentralen sind grundsätzlich für den Freihandel. Sind die Ängste der Bürger übertrieben?

Klaus Müller: Nein, die Sorgen sind berechtigt. Wir sind für Freihandel, wenn er fair ist und keine Standards absenkt. Im Fall von TTIP hat die Politik aber zu Beginn der Verhandlungen alles falsch gemacht. Die Akteure in Brüssel hatten jede Bodenhaftung verloren. Das Verhandlungsmandat wurde nicht veröffentlicht, die Gespräche liefen hinter verschlossenen Türen, die entscheidenden Dokumente waren kaum einsehbar. Zugleich verkündet man den Bürgern aber, dieses Abkommen werde ihr gesamtes Leben verändern, weil es um viel mehr gehe als nur um den Abbau von Zöllen. Das führt zu Misstrauen.

ZEIT ONLINE: Hat sich das Verhalten der entscheidenden Politiker inzwischen geändert?

Müller: Es ändert sich gerade. Aber mittlerweile ist die Angst vor TTIP weit verbreitet, quer durch alle politischen Lager – selbst im bürgerlich-konservativen Milieu. Wir erhalten Anfragen von Landfrauenverbänden, von Ökonomen und Lehrern mit der Bitte um Informationen. Das ist ungewöhnlich.

ZEIT ONLINE: Sie waren selbst Politiker und wissen, wie Verhandlungen laufen. Handelt die EU-Kommission falsch, wenn sie ihre Karten im Poker mit den USA verdeckt hält?

Müller: Es wäre verständlich, Verhandlungen über Zölle und Steuersätze nicht öffentlich zu führen. Aber TTIP ist mehr. Das Abkommen greift stark in die Souveränität der Nationalstaaten und in demokratische Prozesse ein.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das konkret?

Müller: Wer zum Beispiel die Produktionsbedingungen und Sicherheitsstandards in der Lebensmittel- oder Kosmetikindustrie regeln will, kann das nur durch entsprechende Gesetzgebungsverfahren tun. Und es ist guter Brauch, dass Gesetze vor ihrer Verabschiedung durch mehrere öffentliche Lesungen müssen: Das ist transparent und nachvollziehbar. Aber das ist es auch, was wir bei TTIP vermissen. Ich muss nicht während der Verhandlungen mit am Tisch sitzen. Aber das Verhandlungsmandat muss bekannt sein, und die Detailforderungen und Zwischenergebnisse sollten ebenfalls veröffentlicht werden.

ZEIT ONLINE: Möglicherweise muss der Bundestag ohnehin im Nachhinein noch zustimmen, damit TTIP rechtskräftig wird.

Mein Appell an die EU-Kommission: Wenn Ihr jetzt den Kurs nicht korrigiert, ist hinterher der Katzenjammer groß

Müller: Ich bin da ganz entspannt. Wenn TTIP am Ende wirklich so umfassend ausfällt wie angekündigt, also mit Regeln zum Arbeitnehmer-, zum Verbraucher- und Gesundheitsschutz, werden alle 28 europäischen Parlamente zustimmen müssen. In Deutschland wären es vermutlich sogar der Bundestag und der Bundesrat, dafür wird allein schon das Bundesverfassungsgericht sorgen. 
Zwar können sie dann keine einzelnen Punkte mehr ändern, sondern nur das Abkommen im Ganzen akzeptieren oder kippen. Aber auch das ist eine demokratische Kontrolle und die Öffentlichkeit ist im Moment sehr kritisch. Mein Appell an die EU-Kommission ist: Wenn Ihr jetzt Euren Kurs nicht ändert, ist der Katzenjammer hinterher womöglich groß. Das kann keiner wollen.

ZEIT ONLINE: Was wäre der Schaden, wenn TTIP abgelehnt würde?

Müller: Ich wünsche mir ein Freihandelsabkommen – aber nur in den Bereichen, in denen es wirklich Wohlfahrtsgewinne bringt. Man könnte TTIP auch nutzen, um in den USA und der EU die Standards für den Verbraucherschutz zu erhöhen, etwa durch gleiche Regeln für den Rückruf von Produkten oder die europäische Kennzeichnungspflicht für Nahrungsmittel auch in den USA. Leider ist davon in den wenigen Verhandlungspapieren, die bekannt sind, nichts zu sehen.

ZEIT ONLINE: Was brächte das Abkommen dann an ganz konkreten Vorteilen für die deutschen Verbraucher?

Müller: Jede Art von Zoll oder Handelssteuer zwischen den USA und Europa ist aus der Sicht von Verbraucherschützern nicht nötig. Gegen die Vereinheitlichung der Standards für Blinker, Rückspiegelformen oder Kabelfarben ist nichts zu sagen. Das wäre ein Segen für die gesamte Maschinenbau- und Autoindustrie.

ZEIT ONLINE: Und was hat der Verbraucher davon?