Proteste in Kiew gegen die Notenbank: Auf dem Transparent wird der Zentralbank vorgeworfen, "durchgedreht" zu sein. ©Reuters/Valentyn Ogirenko

Wie ist es um ein Land bestellt, dessen Einwohner in die Suchmaske von Google nicht "WM 2014" oder "Michael Schumacher" tippen, wie es die Deutschen 2014 am häufigsten getan haben? Die sich ganz andere Fragen stellen. Zum Beispiel: Wie baue ich einen Molotow-Cocktail? Oder: Wie spare ich Strom?

Was die Menschen zwischen Lwiw und Luhansk in diesem Jahr auf Google gesucht haben, ist ein kleines Spiegelbild einer Ukraine irgendwo zwischen Verzweiflung, Revolution und Resignation. Und die Gefühlslage der Menschen spiegelt sich auch im Zustand der Wirtschaft wider. 

Folgt man Regierungschef Arseni Jazenjuk, dann ist die Industrieproduktion um zehn Prozent eingebrochen, durch "die russische Aggression" habe die Ukraine 20 Prozent ihrer Wirtschaftskraft verloren. Um diese Zeit zu überstehen, brauche die Ukraine "eine Art Kissen, ein neues Paket finanzieller Hilfe". Und das am besten schon "gestern".

Der Westen will helfen, hält sich – wie auf dem jüngsten EU-Gipfel – mit Zusagen aber zurück. Über konkrete Details neuer EU-Hilfen sei nicht gesprochen worden, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Die EU wird prüfen, wie viel Hilfe sie beisteuern kann." Um einen Bankrott des Landes zu verhindern, hatten internationale Geber der Ukraine im Frühjahr Hilfskredite im Umfang von 27 Milliarden Dollar zugesagt. Der IWF geht inzwischen aber davon aus, dass das Land weitere 15 Milliarden Dollar benötigt, um das nächste Jahr zu überstehen.

Die Ukraine reiht sich ein in die Reihe der Euro-Krisenstaaten, die ebenfalls monatelang immer wieder kurz vor der Pleite standen. Ukraine-Kenner Robert Kirchner von der Wirtschaftsberatung Berlin Economics schätzt die Devisenreserven auf gerade einmal zehn Milliarden Dollar. "Das Land bewegt sich auf dünnem Boden", sagt der Volkswirt. Zum Vergleich: Russland hat mehr als 400 Milliarden Dollar auf der hohen Kante.

"Korruption lässt sich nicht über Nacht abschaffen"

Doch während sich Jazenjuk in Brüssel um Geld bemüht, versickern Millionen an der Schnittstelle von Staat und Wirtschaft – sei es bei der Vergabe von Grundstücken oder der Anmeldung von Unternehmen. Transparency International stuft kein anderes Land in Europa als so korrupt ein wie die Ukraine. Das Land befindet sich auf Augenhöhe mit Ländern wie Papua-Neuguinea, dem Iran und Angola. Die Dringlichkeit des Problems ist der neuen Regierung bewusst, sie arbeitet an neuen Gesetzen. "Aber es wäre naiv zu denken, dass sich das Problem über Nacht abschaffen ließe", sagt Kirchner, der auch die ukrainische Regierung berät. Dafür gebe es zu starke "Einzelinteressen".

Die Verzweiflung vieler Ukrainer zeigt sich in diesen Tagen an den Schlangen vor Geschäften, die gebrauchte Elektroartikel aufkaufen. Viele Ukrainer haben vor Jahren Darlehen für Wohnungs- und Autokäufe in Westwährung aufgenommen, die sie nun nicht mehr bedienen können. Denn die Inflation, in diesem Jahr schon bei rund elf Prozent, dürfte im kommenden Jahr auf 14 Prozent steigen. Den Menschen rinnt das Geld durch die Hände. Vor einem Jahr mussten die Ukrainer noch zehn Hrywnja für einen Euro hinlegen. Heute sind es fast 20.

Im kommenden Jahr ist sogar ein Wachstum möglich

Aber es gibt auch Positives: Die Landwirtschaft und die Lebensmittelproduzenten entwickeln sich vergleichsweise gut. Auch Textilfabriken und Automobilzulieferer produzieren kräftig weiter. Im kommenden Jahr könnte das Land sogar aus der Rezession herausfinden und wieder um ein Prozent wachsen (siehe Grafik).

Der Wegfall der Krim schlägt zumindest wirtschaftlich wenig zu Buche, weil dort nur eine schwach entwickelte Tourismusindustrie existierte. Und im Westen des Landes kann die Wirtschaft funktionieren – anders als im Osten, wo aufgrund des Krieges die Energieleitungen für die Pumpen der Bergwerke gekappt wurden, sodass die Stollen voll Grundwasser gelaufen sind.

Tobias Baumann, der für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag die Wirtschaft der Ukraine beobachtet, hat vor wenigen Wochen in Kiew mit Managern deutscher Firmen gesprochen. "Da wollte sich keiner zurückziehen. Die größeren Firmen jedenfalls halten der Ukraine die Stange", sagt er.

Eigentlich habe die Ukraine nun gute Perspektiven, sagt Baumann – wenn man Politik und Wirtschaft in Ruhe arbeiten ließe. "Leider ist Russland erfolgreich darin, den Reformprozess zu stören." Das binde Geld, welches statt in die Infrastruktur nun in die Armee fließe, sowie Arbeitskräfte, die in den Krieg ziehen. Baumann weiß von Studenten, die am Wochenende aus den Uni-Städten an die Grenze fahren. Sie graben dort Gräben zum Schutz vor russischen Panzern.

Mitarbeit: Sascha Venohr