Kein anderes Wort hat die Welt in den vergangenen Monaten so bewegt wie das von der "Ungleichheit". Denn ist eine extreme Ungleichverteilung nicht sehr ungerecht, vor allem wenn es um das wichtigste Wirtschaftsgut geht – ums Geld? Genau das sagt Thomas Piketty in seinem Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert. Seine Kernthese: Das Einkommen ist weltweit ziemlich ungleich verteilt. Aber das Kapital verteilt sich noch viel ungleicher, denn es wächst schneller als die Wirtschaft.

Die großen Vermögen werden also immer größer, die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. An Pikettys These kam 2014 niemand vorbei. Die große Frage war nur: Stimmt sie? 

Selten war die Welt der Wirtschaftswissenschaften so in Aufruhr wie nach dem Bestseller, der Anfang 2014 auf Englisch erschien und im November schließlich auch auf Deutsch. Für Piketty, einen Professor der Paris School of Economics, schien zwischenzeitlich kein Titel zu groß: Die harmlosesten Kommentare beschrieben ihn als Jungstar der Ökonomenszene, für andere war er bereits der künftige Nobelpreisträger, ganz Euphorische feierten ihn wie einen neuen Messias.

Piketty hatte akribisch Vermögens- und Einkommensdaten aus vielen Ländern und Jahrhunderten gesammelt und daraus geschlossen: Weltweit liege der Großteil des Vermögens in der Hand einiger weniger Reicher und Superreicher, während die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung kaum über Kapital verfüge. Und da sich Kapital schneller vermehre, als die Wirtschaft wachse, nehme die Ungleichverteilung stetig zu, auch in Zukunft – es sei denn, die Staaten handelten, indem sie hohe Einkommen exorbitant besteuerten. Andernfalls würde der Kapitalismus irgendwann wegen der zunehmenden Ungleichheit implodieren.

Weltweit größere Ungleichgewichte

Seine Thesen waren kaum in der Welt, da entbrannte die Diskussion. Zuerst gab es eine Welle der Zustimmung; vor allem viele linke Ökonomen applaudierten. Schon bald aber zerpflückten die ersten Skeptiker seine Datenreihen und Schlussfolgerungen bis ins Kleinste. Hatte Piketty etwa Zahlen vertauscht oder gar angepasst? Der Beweis steht noch aus, doch über all den Unsicherheiten und Zweifeln geriet die Grundfrage außer Acht: Stimmt es etwa nicht, dass die Verteilung von Geld und Vermögen reichlich ungleichmäßig ist? Was aber heißt das für uns alle?

Es gibt tatsächlich wenig Grund, die Ungleichverteilung anzuzweifeln. Ebenso wie die Tatsache, dass sich die Disbalancen weltweit verschärft haben. Zwar gibt es heute ein paar Millionen Menschen weniger, die in absoluter Armut leben, seit der Kapitalismus in China und Indien etlichen höhere Einkommen beschert hat. Doch für die Industrieländer gilt: "Arme sind ärmer geworden, Reiche reicher", so fasste es auch die OECD in ihrem jüngsten Bericht zusammen. Über die vergangenen 20 Jahre war der "Anstieg der Ungleichheit weit verbreitet und deutlich, wenn auch nicht so spektakulär wie zumeist wohl angenommen wird." In den letzten zehn Jahren hätten sich die Armutsquoten jedenfalls in der überwiegenden Zahl der OECD-Länder erhöht. Das habe überdies zu einer "Ausdünnung der Mittelschicht geführt".  

Für Deutschland seien die Zahlen sehr eindrücklich, findet der Historiker Hans-Ulrich Wehler: Während 1970 die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung über immerhin 44 Prozent des Vermögens verfügten, besäßen sie heute schon 66 Prozent. Zwei Drittel aller Vermögenswerte liegen also in der Hand von nur wenigen Einwohnern. Die Lage habe sich "dramatisch zugespitzt", doch habe die Regierung den Bürgern diese Zahlen im jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht vorenthalten, kritisierte Wehler. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung warnte dieser Tage: Der Mittelschicht gehe das Geld aus, die Bundesrepublik drifte bei der Verteilung des Vermögens immer weiter auseinander.

Das Gespür der Öffentlichkeit für die Ungleichverteilung ist sehr ausgeprägt. Laut einer Umfrage in 34 Ländern stimmen inzwischen drei Viertel der Bürger dem Satz zu: "Heute stimmt es wirklich, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer." Das sind acht Prozent mehr als noch vor zwölf Jahren. Zwei Drittel sind zudem besorgt, dass mit der ungleichen Einkommensverteilung auch die Ungerechtigkeit wächst, sie sagen: "Die Lasten und Gewinne werden nicht gleichmäßig verteilt." Während ein kleiner Teil der Reichen die Gewinne der Globalisierung abschöpfe, trüge der Großteil der Bevölkerung die Last unsicherer Arbeitsbedingungen und Einkommen.