Die drohende Rezession in Russland besorgt auch viele Wirtschaftsvertreter in Deutschland. "Die Krise der russischen Wirtschaft hinterlässt immer tiefere Bremsspuren im Russlandgeschäft deutscher Unternehmen", sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier der Bild am Sonntag. Eine Umfrage der deutschen Außenhandelskammer unter ihren Mitgliedern ergab: Sollte sich die Lage nicht verbessern, dann muss fast jedes dritte deutsche Unternehmen, das in Russland aktiv ist, nach eigenen Angaben dort Mitarbeiter entlassen. Insbesondere die Rubelschwäche mache den Unternehmen zu schaffen.

Zehn Prozent der deutschen Firmen hätten sogar berichtet, dass sich ihr langjähriger russischer Geschäftspartner nun gen Asien orientiere. "Immerhin jedes achte Unternehmen erwägt einen Rückzug aus Russland. Der Bruch so mancher Geschäftsbeziehung steht also bevor", warnte Treier.

Der Aufsichtsratsvorsitzende von E.on und Bayer, Werner Wenning, befürchtet ebenfalls, dass die Krise in Russland auch in Deutschland wirtschaftliche Folgen haben könnte. "Man sollte sich hüten, die über Jahrzehnte entwickelten Handelsbeziehungen zu unterbrechen", sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Umdenken in Teilen der deutschen Politik

Neben dem schwachen Ölpreis machen der russischen Wirtschaft vor allem die westlichen Sanktionen wegen der Ukraine-Krise zu schaffen. So beginnt in manchen Teilen der deutschen Politik ein Umdenken zu den Strafmaßnahmen.  

"Am Ende des Tages können weder Deutschland noch Europa Interesse daran haben, dass Russland ins wirtschaftliche Chaos abgleitet", warnte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel im Tagesspiegel. "Das Ziel ist doch nicht, Russland in die Knie zu zwingen, sondern zu Verhandlungen über eine friedliche Lösung des Ukraine-Konflikts zu bewegen."

Er folgte damit der Linie von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der vor Gefahren für die Sicherheit in Europa durch die wirtschaftliche Destabilisierung Russlands gewarnt hatte. "Das sollten wir bei unserer Sanktionspolitik im Blick haben", sagte er dem Spiegel.

Auch Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann meldete Zweifel an: "Ich sehe überhaupt keinen Grund zum Jubel – ich weiß nicht, warum wir uns freuen sollten, wenn die russische Wirtschaft zusammenbricht", sagte er der Zeitung Österreich. "Wir sägen gerade den eigenen Ast ab, auf dem wir sitzen, wenn wir zur russischen Wirtschaft eine neue Mauer aufbauen."

EU-Spitze hält an Sanktionen fest

In der EU-Spitze gab es beim Gipfel am Donnerstag kaum Signale für eine Lockerung der Sanktionen. "Als Europäer müssen wir Selbstvertrauen wiedergewinnen und unsere eigenen Kräfte erkennen", hatte der neue Ratspräsident Donald Tusk gefordert und für einen harten Kurs gegenüber Russland plädiert, solange die Ukraine-Politik nicht geändert werde. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte in Brüssel gesagt: "Die Sanktionen können nur dann aufgehoben werden, wenn die Gründe dafür sich ändern."

Die westlichen Staaten begründen die Sanktionen mit dem Vorwurf, Russland habe vergangenen März die ukrainische Krim völkerrechtswidrig annektiert und trage mit der Unterstützung prorussischer Separatisten im Osten des Landes zur Destabilisierung der Ukraine bei. Russland weist beides zurück.  

Steigende Lebensmittelpreise in Russland

Die Wirtschaftsmisere ist mittlerweile in Form steigender Lebensmittelpreise im Alltag der russischen Bevölkerung angekommen. Binnen Jahresfrist ist zudem der Rubel um 40 Prozent abgewertet worden. Die Furcht vor einem weiteren Verfall der Landeswährung hat bereits zu Hamsterkäufen westlicher Importgüter geführt.

"Selbstverständlich wird niemand Erfolg damit haben, uns einzuschüchtern, uns abzuschrecken, Russland zu isolieren", sagte Putin am Samstag dem Sender Rossija 24 mit Blick auf die Sanktionen von USA und EU.