In den USA zeichnet sich die erste Leitzinserhöhung seit Ausbruch der Finanzkrise vor sechs Jahren ab, und in Europa dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) am 22. Januar den Kauf von Staatsanleihen beschließen. Das eine stärkt den Dollar, weil er für Investoren attraktiver wird. Das andere schwächt den Euro, weil die EZB die Geldmenge erhöht. Die Wirkung ist seit einigen Tagen an den Devisenmärkten zu beobachten: Der Euro verliert gegenüber dem Dollar, zeitweise sank der Kurs der Gemeinschaftswährung auf unter 1,20 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit fast neun Jahren.

Die Entwicklung bekommen etwa Touristen zu spüren, die jetzt in die USA reisen und dort bekannte Mitbringsel wie Marken-Jeans nicht mehr ganz so günstig kaufen können wie früher. Volkswirte gehen davon aus, dass der Eurokurs im Lauf des Jahres bis auf 1,15 Dollar abrutscht. Doch für die Gesamtwirtschaft ist der schwache Euro kein Grund zur Sorge – im Gegenteil. Die Vorteile überwiegen.

1. Wachstumsschub für Deutschland

Noch im Herbst warnten Ökonomen, dass die deutsche Konjunktur in diesem Jahr schlechter laufen werde als gedacht. Inzwischen sind die Volkswirte wieder etwas optimistischer. Der Wirtschaftsweise Lars Feld prognostiziert, dass wegen der Euroschwäche, gepaart mit dem anhaltend billigen Öl, das deutsche Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 0,3 Prozentpunkte stärker steigen werde als bisher gedacht. Im Herbstgutachten erwarteten die führenden Ökonomen einen BIP-Anstieg um 1,2 Prozent.

Der schwächere Euro stützt vor allem die exportorientierten Unternehmen. Autohersteller wie Daimler, BMW oder Volkswagen können ihre Fahrzeuge in den USA günstiger anbieten. Das gleiche gilt für Branchen, deren Geschäfte in US-Dollar abgewickelt werden. Der Flugzeugbauer Airbus etwa profitiert vom schwächeren Euro beziehungsweise dem stärkeren Dollar. Indirekt wirkt der Eurokurs sich auch auf weitere Branchen positiv aus, zum Beispiel die Autozulieferer. Allerdings fließt der größere Teil des deutschen Exports in andere Euroländer, dadurch ist die Wechselkurswirkung begrenzt.

2. Entlastung für die Krisenstaaten

Tendenziell können auch Länder wie Portugal oder Italien von dem schwächeren Euro profitieren. Sebastian Dullien, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, verweist auf wichtige Branchen in diesen Ländern: Portugal habe eine bedeutende Textilindustrie, in Italien sei unter anderem die Schuhproduktion ein wichtiger Exportzweig.

Die Hersteller konkurrieren vor allem mit Erzeugern in Billiglohn-Ländern, sodass ein günstigerer Wechselkurs dem Export der in Italien oder Portugal gefertigten Waren hilft. Eine gegenüber dem Euro stärkere Drittwährung verteuert gleichzeitig Waren von dort, also etwa Textilien aus Thailand. Der thailändische Baht hat gegenüber dem Euro seit dem Sommer um mehr als zehn Prozent aufgewertet.

3. Schwacher Euro nimmt Deflationsangst

Der schwächere Euro kommt vor allem der EZB entgegen. Die sorgt sich vor einer möglichen Deflation in der Eurozone. Am Mittwoch wird die Inflationsrate für Dezember veröffentlicht. Einige Analysten befürchten, dass die Preise im Euroraum bereits fallen. In Deutschland lag der Preisauftrieb im Dezember bei nur noch 0,2 Prozent. Die EZB will eine Deflation vermeiden, weil sie die Wirtschaft lähmen könnte. Fallende Preise sorgen für sinkende Gewinne und Einkommen und steigende Arbeitslosigkeit. Erwarten die Menschen dauerhaft sinkende Preise, zögern sie Konsum und Investitionen hinaus, was die Krise noch verstärkt.

Dass die Inflation derzeit so niedrig liegt, liegt am schwachen Wachstum und der immer noch hohen Arbeitslosigkeit in der Eurozone, aber auch am Preissturz beim Rohöl. Binnen eines halben Jahres hat sich Öl um rund die Hälfte verbilligt. Die Energiepreise fielen zum Jahresende allein in Deutschland um 6,6 Prozent.

Die EZB versucht diese Entwicklung aufzuhalten. Die Zinsen hat sie schon auf nahe null gesenkt, um die Konjunktur zu stützen. Geholfen hat es bislang nur wenig. In zwei Wochen will sie deshalb den Kauf von Staatsanleihen beschließen und so weiteres Geld in die Märkte pumpen, um den Euro zu schwächen. Die Hoffnung: Importierte Waren werden teurer und sorgen dafür, dass die Inflationsrate wieder zulegt. Von dieser Warte aus betrachtet sei der niedrigere Euro "ganz praktisch", sagt Sebastian Dullien. Der Kauf von Staatsanleihen soll außerdem dafür sorgen, dass die Banken mehr Kredite vergeben, damit die Konjunktur anzieht und am Ende auch die Preise wieder steigen. Ob diese Strategie funktioniert, ist umstritten.