Der EZB-Chef Mario Draghi fühlt sich von Deutschland missverstanden. "Wir sind nicht dazu da, dem einen oder anderen Land Vorteile zu verschaffen oder gar den deutschen Sparer zu bestrafen", sagte der Präsident der Europäischen Zentralbank der ZEIT. Dem Notenbankchef ist von deutschen Wirtschaftsprofessoren und Politikern wiederholt vorgeworfen worden, in der EZB die Interessen der Südstaaten zu vertreten. Die Frage, ob ihn dies verletze, beantwortete Draghi mit Ja. 

"Die EZB wurde in der Tradition der Bundesbank gegründet", sagte Draghi. Aber es gebe einen großen Unterschied, denn die EZB sei nicht nur für ein Land, sondern für 19 zuständig. Deshalb seien auch die Instrumente andere: "Das ist sozusagen die Botschaft, die einige in Deutschland verstehen müssen." Es sei aber manchmal schwierig, dass zu erklären, auch im Gespräch mit einigen Politikern.

Seinen Kritikern warf Draghi indirekt vor, nicht sachgerecht zu argumentieren. "Wenn Glaube und Beweise aufeinandertreffen, haben die Beweise keine Chance. (…) Die vielerorts verbreitete Vereinfachung der Diskussion ist in Wahrheit eine Verflachung, die zu falschen Schlüssen führt", sagte er. 

So habe, anders als von vielen seiner Gegner behauptet, die EZB bisher keine Verluste gemacht. Stattdessen verteile sie Milliardengewinne an ihre Mitglieder. "Auch an die Bundesbank, die sie weitergibt ans Finanzministerium, also an die deutschen Bürger", sagte Draghi.

Kauf von Staatsanleihen

Die EZB ist Draghi zufolge zu breit angelegten Käufen von Staatsanleihen bereit. "Alle Mitglieder des Rates der Europäischen Zentralbank sind entschlossen, unserem Mandat gerecht zu werden", sagte er. "Natürlich gibt es Differenzen darüber, wie das geschehen sollte. Aber es ist nicht so, dass wir unendlich viele Möglichkeiten hätten."

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Draghis Aussagen deuten darauf hin, dass die EZB bei ihrer nächsten Sitzung am 22. Januar trotz der Unsicherheit über den Ausgang der Wahl in Griechenland ein Anleihenprogramm beschließt. Griechenland wählt am 25. Januar ein neues Parlament. Das in Umfragen führende Linksbündnis Syriza hat angekündigt, den Sparkurs beenden zu wollen. Mit den Anleihenkäufen will die EZB das Wachstum stützten und die Gefahr einer Deflation bekämpfen.

Draghi will nicht Italiens Präsident werden

Die aktuelle Inflation liegt laut Draghi deutlich unter dem Zielwert von knapp zwei Prozent. "Um das in dieser Phase zu erreichen, muss sie (die EZB) die Zinsen niedrig halten und auf eine expansive Geldpolitik hinarbeiten, die das Wachstum begleitet."

Draghi trat außerdem Spekulationen entgegen, er könne nach Italien wechseln, um Staatspräsident zu werden. "Es ist natürlich eine große Ehre, in Betracht gezogen zu werden, aber es ist nicht mein Job." Wichtig sei sein gegenwärtiger Beruf. "Ich bin froh, ihn ausüben zu können, und ich werde ihn weiterhin ausüben."