Latte Art im Café: Auch in Deutschland interessieren sich immer mehr Verbraucher nicht nur für die Präsentation, sondern auch die Qualität von Kaffee. ©Reuters/Mario Anzuoni

Was trinken Sie beim Lesen dieses Artikels? Einen Kaffee? Vielleicht von Starbucks, Dallmayr oder Tchibo? Dann sind die Chancen relativ groß, dass da gerade ein paar Fairtrade-Bohnen in ihrer Tasse dampfen. Für die haben Sie ein paar Cent mehr ausgegeben. Es soll dem Plantagenarbeiter besser gehen. Es sollen keine Kinder die Kaffeekirschen ernten. Und natürlich wollen Sie für das Extra-Geld auch etwas Vernünftiges trinken. Ein Kaffee von hoher Qualität. Ein naheliegender, plausibler Gedanke.

Fairtrade wirbt selbstbewusst dafür, die Kaffeeproduzenten nicht nur durch einen Mindestpreis, bezahlten Urlaub, soziale Vorsorge und einen Marktzugang abzusichern. Fairtrade will das gute Gewissen aber auch mit guten Produkten verknüpfen. "Qualität ist der allererste Kaufimpuls", sagt Fairtrade-Sprecherin Claudia Brück. "Der Kunde bezahlt mehr, also müssen die Bohnen auch besser schmecken." Schließlich seien die 1970er Jahre mit dem Nicaragua-Solidaritätskaffee vorbei. Der schmeckte nicht, sollte aber unterdrückten Völkern helfen.

Schon länger gibt es Zweifel an der Effizienz des einflussreichen Siegels, über das in Deutschland rund 2.000 Produkte in 42.000 Supermärkten, Drogerien oder Discountern vertrieben werden. Nun mehrt sich an anderer Stelle die Kritik. Sorgen auch beim Qualitätsversprechen falsche Anreize dafür, das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung zu erzielen? Ist der Gedanke, für einen relativ teuren Preis auch einen gutes Produkt zu erhalten, am Ende vor allem eins: schrecklich naiv?

Kaffee ist das wichtigste Produkt im Geschäft mit dem guten Gewissen. Besonders die Deutschen vertrauen dem grün-blauen Siegel: Zuletzt ist der Absatz um ein Fünftel in die Höhe geschnellt. In keinem Land der Welt nimmt der Konsum von Fairtrade-Kaffee so rasant zu wie hierzulande. Nach Großbritannien ist Deutschland der weltweit zweitgrößte Absatzmarkt für fair gehandelte Waren.

Doch nach Einschätzung von Wissenschaftlern und Branchenkennern bietet Fairtrade einen Anreiz, vor allem den schlechten Teil der Ernte ins System zu speisen. Denn als Schutz vor den schwankenden Börsenpreisen erhalten die Bauern im Fairtrade-System einen Mindestpreis – quasi als Sicherheitsnetz. Allerdings nimmt Fairtrade in der Regel nicht alles ab: Ein Großteil wandert auf den freien Markt, wo es zum Weltmarktpreis oder auch deutlich teurer verkauft werden kann. Im Schnitt verkaufen die zertifizierten Kooperativen nur rund ein Drittel ihrer Ernte als Fairtrade-Kaffee. Colleen Haight von der San Jose State University beschreibt das Problem an einem einfachen Beispiel: Ein Bauer hat zwei Säcke mit Bohnen, von denen Fairtrade nur einen abnimmt. Für Sack A (gute Qualität) bekommt er auf dem freien Markt 1,70 Dollar pro Pfund, für Sack B (schlechtere Qualität) nur 1,20 Dollar. Der Anreiz ist offensichtlich: Der gute Sack wird für 1,70 Dollar verkauft. Der schlechte geht zu Fairtrade, wo man 1,40 Dollar bekommt.

"Das System wird oft ausgenutzt"

Kaffeeexperten halten solche theoretischen Beispiele für plausibel. "Auf jeden Fall", antwortet Ralf Rüller auf die Frage, ob bei Fairtrade auf diesem Wege schlechte Qualität ins System rutscht. "Fairtrade ist kein Güte-, sondern nur ein Gewissenssiegel", sagt der Chef der renommierten Berliner Rösterei The Barn. Der Vorwurf, den auch andere Kenner der Szene teilen: Fairtrade prüft und kontrolliert die Qualität der Bohnen nicht, sondern nimmt pauschal ab. "Dies wird leider oft ausgenutzt. Es besteht die Gefahr, dass Bauern Zertifikate für ihre schlechteren Bohnen erwerben", warnen die Experten des Direktimporteurs Coffee Circle.

Fairtrade wehrt sich gegen den Eindruck, als eine Art Resterampe für B- und C-Ware die Zahlungsbereitschaft einer wohlmeinenden Kundschaft auszunutzen. "Die Annahme, dass Fairtrade alles Angebotene abnimmt, ist falsch", sagt Sprecherin Brück. Wenn die Qualität nicht stimme, werde der Kaffee nicht aufgekauft. Zudem müsse ein Viertel der Fairtradeprämie (entspricht fünf US-Cent pro Pfund), in die Verbesserung von Qualität und Produktion fließen.

Experten wie Rüller, die mehrfach im Jahr Kaffeeplantagen besuchen, widersprechen: "Fairtrade kennt die einzelnen Farmer nicht und stellt keine Forderungen, wie die Qualität verbessert werden muss." Auch Fairtrade wohlgesonnene Händler wie der Brite Wyatt Cavalier haben ihre Zweifel. Der Londoner hat sich auf den Kauf von hochqualitativen Fairtrade-Bohnen spezialisiert und kennt die Güte wie wenige. Sein Urteil: Die Qualität von Fairtrade-Bohnen liege sogar noch unter dem Durchschnitt aller Bohnen, die weltweit in Coffeeshops, Cafés und Tankstellen gemahlen und aufgebrüht werden. "Es gibt keinen Grund für Bauern, auf hohe Qualität zu setzen. Fairtrade achtet auf die Rechte der Arbeiter, aber nicht, ob der Kaffee gut ist." Allerdings wäre es ein Fehlschluss, zu denken, dass Fairtrade-Bohnen prinzipiell eine schlechte Qualität hätten. Auch bei Top-Röstern wie Bonanza aus Berlin finden sich immer wieder Fairtrade-Bohnen in den Mischungen. Die Warnungen gelten für die durchschnittliche Qualität, also der Großteil dessen, was in Supermarktregalen landet und in Büromaschinen gebrüht wird.

Höhere Qualität wird belohnt

Fairtrade räumt auf Nachfrage fehlende Anreize für Bauern ein, denen ernsthaft an der Qualität gelegen ist. "Im System gibt es keinen Extra-Aufschlag für besonders gute Bohnen", sagt Sprecherin Brück. Etliche ambitionierte Röster verlassen sich deshalb schon lange nicht mehr auf die Fairtrade-Auswahl und handeln direkt mit Farmern und Kooperativen. Rüller zum Beispiel ist gerade aus Kolumbien wiedergekommen, wo er verschiedene Kaffees getestet hat. Vor Ort ermutigen er oder seine Partner die Bauern, nicht nur Massenware zum Mindestpreis zu produzieren, sondern jedes Jahr eine bessere Qualität abzuliefern. Etwa indem sie auf Monokulturen verzichten oder die Kaffeekirschen nicht ein einziges Mal, sondern immer wieder zum richtigen Reifezeitpunkt abernten. "Wir geben Regeln vor, wie die Qualität verbessert werden kann."

Wer sich dran hält, wird belohnt. Denn die Qualität kann anhand eines international vergleichbaren Punktesystems von 0 bis 100 bestimmt werden. Bei 86 Punkten zahlt Rüller einen Aufschlag von 30 Prozent, bei 90 Punkten sogar das Doppelte.

Gegen das Prinzip von Fairtrade hat unter den Kaffeekennern kaum jemand etwas. Für eine faire Bezahlung ist in der relativ kleinen Szene der Spezialitäten-Röster praktisch jeder. "Allerdings kann ich dann auch zu Weihnachten etwas spenden. Das ist die gleiche grobe Gießkanne", findet Rüller.