ZEIT ONLINE: Herr Fratzscher, die Schweizer Nationalbank gibt die Bindung des Franken an den Euro auf, und die Devisenmärkte sind in Aufruhr. Einige werten die Entscheidung der Schweizer als Misstrauensvotum gegenüber der Eurozone und der Politik der Europäischen Zentralbank. Ist dem so?

 

Marcel Fratzscher: Es ist kein Misstrauensvotum, sondern hat ganz praktische Gründe. Es überrascht auch nicht, dass sich die Schweizer Nationalbank gerade jetzt entschieden hat, den Franken vom Euro abzukoppeln.

ZEIT ONLINE: Warum?

Fratzscher: In den vergangenen Wochen musste die Nationalbank immer wieder am Devisenmarkt intervenieren und Franken gegen Euro tauschen, um die Währung auf dem angestrebten Kurs zu halten. Letztlich führen diese Interventionen zu riesigen Verlusten. Künftig würde es für die Schweizer Nationalbank noch teurer, den Franken zum Euro stabil zu halten. Denn sobald die EZB in der kommenden Woche den Aufkauf von Staatsanleihen beschließt, wird der Abwertungsdruck auf den Euro nochmals stärker. 

ZEIT ONLINE: Die Nationalbank hatte also keine andere Wahl?

Fratzscher: Ich bin der Meinung, dass die Bindung des Frankens an den Euro von Beginn an falsch war. Die weltweiten Devisenmärkte sind so riesig und so liquide – da ist es für eine einzelne Zentralbank so gut wie unmöglich, einen Wechselkurs über Interventionen zu steuern. Das hätte die Schweizer Nationalbank stärker berücksichtigen müssen.

Die Schweizer Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren auch viel stärker gewachsen als die Eurozone. Die Schweiz hat außerdem enorme Leistungsbilanzüberschüsse angehäuft. Das schreit geradezu nach einer Aufwertung des Franken.

 ZEIT ONLINE: Wie sehr schadet die Aufwertung der Schweizer Wirtschaft?

Fratzscher: Die Schweiz ist eine sehr offene Volkswirtschaft. Sie exportiert sehr viel, und weit über die Hälfte aller Ausfuhren gehen in die Eurozone. Für einige Unternehmen kann die Aufwertung daher zu einem Problem werden. Aber natürlich werden dadurch auch importierte Güter und Vorleistungen deutlich günstiger. Und gerade die Schweizer Wirtschaft ist stark von solchen Importen abhängig.

ZEIT ONLINE: Ist alles also nur halb so schlimm?

Fratzscher: Jedes professionelle Unternehmen in der Schweiz musste wissen, dass die Aufwertung irgendwann kommt – und hat sich hoffentlich dagegen abgesichert, beispielsweise durch Hedging-Geschäfte.

Zudem gibt es noch einen gegenläufigen Effekt: Der Wert des Euro sank in den vergangenen Monaten mehr als zwölf Prozent gegenüber dem Dollar, und mit ihm der Franken. Dadurch haben die Schweizer Unternehmen im Dollar-Raum schon deutlich an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen.