ZEIT ONLINE: Herr Brücker, zahlen die öffentlichen Kassen drauf, wenn Deutschland Einwanderer aufnimmt?

Herbert Brücker: Das ist die in den vergangenen Tagen heftig diskutierte These von Hans-Werner Sinn...

ZEIT ONLINE: Er sagt, jeder Einwanderer koste den deutschen Staat im Jahr 1.800 Euro. Stimmt die Zahl?

Brücker: Das ist schwer zu beurteilen und es hängt stark von den Annahmen ab, auf die man sich stützt – wie immer in der Ökonomie. Sinn rechnet auf der Grundlage einer Studie von Holger Bonin aus dem vergangenen Jahr, die zu dem Ergebnis kam, dass jeder Einwanderer dem Sozialstaat im Durchschnitt jährlich 3.300 Euro bringt.

Bonin berücksichtigte aber nur die Staatsausgaben und -einnahmen, die man einzelnen Personen zuordnen kann. Er addierte die persönlich gezahlten Steuern und Abgaben und zog Kosten für Bildung, Arbeitslosigkeit, Renten oder Krankheit ab. Sinn hingegen rechnet zu den Kosten auch alle weiteren öffentlichen Aufwendungen hinzu: die für den Straßenbau, für die Steuerbehörden, für die Landesverteidigung, für den Schuldendienst. Die große Frage ist, ob man das so ohne Weiteres tun kann.

ZEIT ONLINE: Wenn die Bevölkerung steigt, brauchen wir neue staatliche Infrastruktur, und die kostet. Stimmt das Argument nicht?

Brücker: Im Prinzip schon, aber ganz so einfach ist die Rechnung nicht. Manche Staatsausgaben entstehen unabhängig von der Einwohnerzahl eines Landes. Andere wachsen mit der Bevölkerung, aber unterdurchschnittlich und häufig in Sprüngen. Zum Beispiel brauchen wir nicht für jeden Einwanderer gleich eine neue Straße.

Migration kann helfen, die Kosten zu senken

Vor allem aber geht es in Deutschland eher darum, dass die Bevölkerung ohne Einwanderung schrumpft und die Infrastruktur mit ihr schrumpfen müsste. Wenn Migration das verhindert, kann sie sogar helfen, die durchschnittlichen Kosten für den Steuerzahler zu senken. Und als ob das nicht schon kompliziert genug wäre, entwickelt sich die Einwohnerzahl je nach Region ganz unterschiedlich. Manche Städte wachsen, andere schrumpfen.

ZEIT ONLINE: Das heißt, man kann Kosten und Nutzen von Migration gar nicht eindeutig erfassen?

Brücker: Jedenfalls gründet Hans-Werner Sinn seine Rechnung auf den schlechtestmöglichen Annahmen. Klar ist, dass die Struktur der öffentlichen Haushalte – die Rentenkasse eingeschlossen – nicht so bleiben kann, wie sie im Moment ist, denn sonst rutscht der Staat dauerhaft ins Defizit. Zum Beispiel, weil durch den demografischen Wandel künftig weniger Steuer- und Abgabenzahler einen immer größeren Teil von Rentnern finanzieren müssen.

Ohne Zuwanderung wird sich das Verhältnis von nicht mehr Erwerbstätigen zu Erwerbstätigen bis 2050 etwa verdoppeln. Da stoßen die öffentlichen Haushalte bei der gegenwärtigen Einnahmen- und Ausgabenstruktur irgendwann an Grenzen. Die entscheidende Frage ist: Wird das Defizit durch Einwanderung kleiner oder noch größer?

ZEIT ONLINE: Und? Zu welchem Ergebnis kommen Sie?

Zuwanderer sind heute viel besser ausgebildet

Brücker: Es hängt ganz entscheidend von der Qualifikationsstruktur der Migranten ab. Die Ausländer, die im Moment in Deutschland leben, sind im Schnitt eher nicht so gut ausgebildet. Wäre die Qualifikationsstruktur der Neuankömmlinge ebenso schlecht, dann würde das Loch in den Kassen tatsächlich größer. Das ist aber nicht der Fall. Schon heute sind die Zuwanderer sehr viel besser ausgebildet als der Durchschnitt der hier lebenden ausländischen Bevölkerung. Es müsste deshalb mit dem Teufel zugehen, wenn die heutige und künftige Zuwanderung keine positiven Effekte für die Finanzen der öffentlichen Haushalte und Sozialversicherungen hätte.

ZEIT ONLINE: Was bringen die Einwanderer denn an Qualifikationen mit?

Brücker: Die Menschen, die in einem Alter von 25 Jahren und älter 2013 nach Deutschland gekommen sind, hatten zu 39 Prozent einen Hochschulabschluss – im Vergleich zu 22 Prozent in der deutschen Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Und das sind fast doppelt so viele wie unter den ausländischen Einwohnern Deutschlands. Zwar haben zugleich rund 30 Prozent keine abgeschlossene Berufsausbildung, aber dieser Anteil sinkt. Außerdem kommen viele junge Leute zu uns, auch das hilft der Wirtschaft.

ZEIT ONLINE: Ist die Angst mancher Arbeitnehmer vor Konkurrenz also unberechtigt?