Der Mindestlohn setzt Kreativität frei. Ein Kneipenwirt zum Beispiel forderte seine Kellnerinnen und Kellner auf, das Trinkgeld in einen Topf zu werfen, aus dem dann die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Lohnerhöhung finanziert werden könnte. Noch heißer ist die Geschichte aus einem Wellnessbetrieb: Die Beschäftigten bekommen statt 8,50 Euro einen Gutschein für die hauseigene Sauna. Schwitzen statt Mindestlohn.

Die Mitarbeiter des Callcenters Facts in Magdeburg bekommen in diesen Tagen einige mehr oder weniger hübsche Anekdoten aus der Welt der Wirtschaft erzählt. Ein paar hundert Anrufer landen hier jeden Tag, wenn sie die Mindestlohn-Hotline des DGB (0391/4088003) anrufen.

Meistens geht es bislang schlicht um Information und Aufklärung, Beschwerden sind selten. Ob und wie der Mindestlohn umgesetzt wird, zeigt sich in ein paar Wochen, wenn die erste Gehaltsabrechnung ansteht. Ein paar Anhaltspunkte gibt es indes aus den Branchen, wo die meisten Beschäftigten Mindestlohn beziehen: im Gastgewerbe und im Handel.

Dass die 8,50 Euro gezahlt werden müssen, steht außer Frage. Aber welche Arbeitszeit wird zugrundegelegt, wie wird die Zeit ermittelt und dokumentiert? Bundesweit sind im Gastgewerbe 860.000 Personen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, fast im selben Umfang kommen geringfügig Beschäftigte hinzu, von denen viele unter 8,50 Euro liegen. Vor allem in Ostdeutschland.

Zeiterfassung ist ein Problem für kleine Firmen

Der Branchenverband in Mecklenburg-Vorpommern sieht die Hotels und Restaurants mit einen ganzen Strauß an Maßnahmen auf den Mindestlohn reagieren: Effizienz erhöhen, Abläufe verändern, beim Mittagstisch sparen, die Einkaufskosten drücken und die Preise erhöhen. Personalabbau dagegen sei kaum möglich. "Wir sind eine höchst personalintensive Branche, dem Stellenabbau sind da Grenzen gesetzt", meint Matthias Dettmann vom Verband Dehoga in Schwerin. Das bestätigt auch die amtliche Statistik. "Größere negative Wirkungen des gesetzlichen Mindestlohns auf Beschäftigung und Arbeitslosigkeit sind gegenwärtig nicht wahrnehmbar", sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg (BA).

Kommt vielleicht noch, schließlich hatten diverse Ökonomen den Abbau von ein paar hunderttausend Arbeitsplätzen vorausgesagt, vor allem in Ostdeutschland, wo fast jeder fünfte Arbeitnehmer wegen des Mindestlohns ein höheres Einkommen bekommen soll. Mit einer entsprechenden Kostenbelastung für die Firmen. In Mecklenburg-Vorpommern zählt die BA jedenfalls noch keine zusätzlichen Arbeitslosen, aber interessant wird es im Frühling, dann "wird sich zeigen, ob es zu den jahreszeitlich üblichen Wiedereinstellungen der Saisonarbeitskräfte im Hotel- und Gaststättenbereich kommt", sagt Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der BA.

Im Berliner Gastgewerbe arbeiten 75.000 Personen in einem "normalen", sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis, hinzu kommen etwa 170.000 geringfügig Beschäftigte im Hotel und Restaurant, bei Caterern oder in Kantinen. Die Branche ist vielfältig, manche Betriebe können 8,50 Euro locker zahlen, andere, insbesondere Häuser mit langen Öffnungszeiten, haben "Riesenprobleme", wie es beim Dehoga heißt. Alle müssen sich einstellen auf die Erfassung und Dokumentation von Arbeitszeit – im Rahmen des Arbeitszeitgesetzes, das die Obergrenze bei zehn Stunden setzt.

Verdi und die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) lassen derzeit eine App entwickeln, mit der die Köche und Kellner und Hotelbediensteten demnächst auf dem Smartphone ihre Arbeitszeit erfassen und dokumentieren können. Wenn die dann von der bezahlten Zeit abweicht, kommt die Gewerkschaft ins Spiel. Im Februar soll die App verfügbar sein. Dann machen sich auch Mindestlohn-Teams der NGG auf den Weg, um direkt in den Gaststätten das Personal über alle möglichen Facetten rund um den Mindestlohn zu informieren.