Lissabon ist eine Stadt in den Farben von Pfirsichen und Bonbons, aber manchmal riecht sie schlecht. Nach Urin, von Menschen oder Katzen. Lissabon ist eine Pastellfarbenstadt, eine verfallene Schönheit mit einzigartigem Licht: Die hellen Pflastersteine, die Calçada Portuguesa, spiegeln es wider und werfen es an die zartbunten Häuser. Von oben kommt es strahlend blau, abends wird es zu rosa Dunst. Man verzeiht dieser Stadt fast alles: ihren Geruch, die steilen Treppen und rutschigen Steine. Nur eines verzeiht man ihr nicht: dass hier die Alten das Sagen haben.

Die Politik hat die Jugend aus dem Land gejagt. Jährlich ziehen mehr als 100.000 Menschen weg – die größte Auswanderungswelle, die Portugal je erlebt hat. Die meisten der Auswanderer sind jung und haben studiert. Sie fliehen vor der Wirtschaftskrise, die das Land seit 2009 lähmt. Viele junge Portugiesen arbeiten in Deutschland als Krankenpfleger, Ingenieure oder Informatiker. Sie folgten dem Ruf der Bundesregierung. Make it in Germany! heißt das Webportal, das junge Fachkräfte locken soll. Andere gehen in die Schweiz, nach Frankreich oder in die alten Kolonien Brasilien und Angola. Premierminister Pedro Passos Coelho hat sie dazu ermutigt und Alexandre Mestre, 2011 noch Staatssekretär für Sport und Jugend, hat empfohlen: "Wenn man arbeitslos ist, muss man seine Komfortzone verlassen und außerhalb der Landesgrenzen suchen."

Heute ist Portugal nur noch für die Allerwenigsten eine Komfortzone, ein Ort, an dem man ohne Angst leben kann. Die Pastellfarben und die Magie der verfallenen Häuser verzaubern nur noch Touristen. Doch dort, wo Läden schließen und Häuser veröden, entsteht neuer Raum. Und wo es eine Bewegung gibt, gibt es eine Gegenbewegung. Sie sind die Ausnahme, Verrückte vielleicht, eine Avantgarde: junge Portugiesen, die in ihre Heimat zurückkehren, um dort ihre Zukunft zu finden.                 

Weg von Berlin und seinen Partys

"Ein Astronaut kommt auch gern auf die Erde zurück", sagt Nuno Henriques. Er sitzt, feines Hemd in schwarzer Hose, in einem Café in Castanheira, einem Dorf etwa eine Stunde nördlich von Lissabon, und frühstückt. Café Diana, seit 1964. Es ist das einzige hier, nur 150 Menschen leben in Castanheira, und Henriques ist heute der einzige Besucher. Seine Haare sind zurückgegelt. Was das Gel nicht hält, fixiert eine Sonnenbrille. Er duftet nach herbem Parfum. Es ist Freitag, sieben Uhr morgens.

Ein Schaufenster in Lissabon: "Lächle, morgen wird schlechter sein." © Viktoria Morasch

Vor einem Jahr noch wäre er um diese Uhrzeit aus einer Berliner Bar gestolpert, nach Rauch riechend. Er hätte sich auf sein Rennrad geschwungen oder es einfach stehen gelassen. Er wäre allein nach Hause gegangen oder zu zweit. Jetzt ist er hellwach, er legt sein Smartphone kaum zur Seite, macht einen Termin nach dem anderen. Henriques ist nach dem Kunststudium nach Berlin gegangen und fünf Jahre geblieben. 2013 kam er zurück nach Portugal, um das Geschäft seines Urgroßvaters weiterzuführen, eine Korbmacherei. Er wurde vom Bonvivant in der deutschen Großstadt zum Geschäftsmann in der portugiesischen Provinz. Wieder sein Handy. Es vibriert, eine Nachricht leuchtet auf. "Ich habe gerade einen Korb verkauft."   

Wenn Portugiesen an Körbe denken, haben sie solche wie die von Nuno Henriques vor Augen, oder besser: wie die seines Urgroßvaters. Rechteckig, bunt. In ihnen trugen Mütter die Einkäufe vom Markt nach Hause. So ein Korb hielt ein Leben lang. Heute ist Portugal Europameister der Plastiktüten. "Mir gefällt, dass die Körbe aus Naturmaterialien gemacht sind. Und ich bewundere die Handarbeit, weil sie Teil einer Identität ist. Sie ist einzigartig", sagt Henriques und legt ein paar Münzen auf den Tisch, um zu zahlen.

Sehnsucht nach Kindheit

Im Dorf seiner Vorfahren, in Castanheira, hatte früher jedes Haus einen Webstuhl, um Körbe aus Binsenhalmen zu machen. Und auch heute wissen die meisten, wie das geht. Sie haben es als Kinder gelernt. Aber nur noch wenige üben dieses Handwerk aus, die jüngste Korbmacherin ist 56. "Die Körbe kommen aus einer Zeit, in der es nichts anderes gab. Heute aber gibt es viele Möglichkeiten, Dinge zu transportieren. Sie wären fast ausgestorben, deswegen mussten sie sich verändern", sagt Henriques und macht sich auf den Weg in das alte Steinhaus seines Urgroßvaters. Dort lebt er allein. Vor dem Haus steht ein alter Geländewagen, auf seiner Ladefläche stapelt sich ein bunter Haufen Körbe. Henriques spricht mit leiser, schüchterner Stimme, in sein Portugiesisch mischt sich manchmal ein deutsches "Naja". "Ich finde, die Körbe sind schön und haben einen Platz in der Welt verdient."

Nuno Henriques in den Straßen von Castanheira, dem Dorf seiner Vorfahren © Viktoria Morasch

Henriques nutzt die traditionellen Muster und sucht nach neuen Farben und Designs. Er verkauft die Körbe an Boutiquen in Lissabon, Berlin oder Wien. Städterinnen tragen sie als Accessoires. In ihren Körben liegen keine Kartoffeln. Sie tragen die Sehnsucht nach Kindheit durch Einkaufsstraßen. "Für das Kunsthandwerk ist die Zeit gerade fantastisch. Es gibt diese wunderschönen alten Dinge noch und es gibt neue Wege, wie das Internet, um sicherzustellen, dass sie weiter existieren dürfen."

Henriques ist Künstler, ein Ästhet. Seine Arbeit ist für ihn aber auch politisch. "Ich verwende nur portugiesische Produkte. So kann ich die kleinen, traditionellen Gewerbe unterstützen." Er vermisst Berlin. Aber jemand muss sich ja um die Körbe kümmern. Er steigt in seinen kleinen, weißen Renault und fährt zu den alten Weberinnen. Auf dem Weg grüßt er aus seinem Auto heraus: "Das ist Chico, der macht die Griffe. Der neben ihm ist mein Nachbar. Er schneidet die Fäden ab. Eine sehr einfache Arbeit, aber das macht nur er. Jeder Schritt hat seine eigene Person, seine eigene Zeit."