Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Wladimir Putin, hier im vergangenen Juni während der Gedenkfeiern zum D-Day in Frankreich © Sean Gallup/Getty Images

ZEIT ONLINE: Frau Fischer, am Donnerstag treffen sich die EU-Außenminister, um über eine mögliche Verschärfung der Sanktionen gegen Russland zu beraten. Anlass ist der Raketenangriff auf die ukrainische Stadt Mariupol am vergangenen Samstag, bei dem mehr als 30 Menschen starben. Was ist von dem Treffen zu erwarten?

Sabine Fischer: Ich fürchte, die Minister werden morgen keine gemeinsame Position finden. Das ist im Moment zwar sehr schwer vorauszusagen. Aber die Entscheidung müsste im Konsens gefällt werden – und die neue griechische Regierung hat ja schon erklärt, dass sie einer Verschärfung skeptisch gegenübersteht.

ZEIT ONLINE: Auch andere EU-Länder haben die Sanktionen in der Vergangenheit eher zurückhaltend mitgetragen. Zerbricht gerade die einheitliche Linie gegenüber Russland?

Fischer: Die einheitliche Haltung der EU gegenüber Russland ist in Gefahr. Dieses Risiko besteht tatsächlich. In jüngster Zeit haben sich zum Beispiel Ungarn und Tschechien kritisch geäußert. Man darf aber auch nicht vergessen, dass eine gemeinsame europäische Haltung immer in Verhandlungen entsteht – und da steht die EU mit Griechenland ja noch ganz am Anfang. Griechenland hat auch im Verhältnis zur EU viel zu verlieren.

ZEIT ONLINE: Sie meinen: Wenn man Griechenland einen Schuldenerlass gewährt, trägt die neue Regierung auch die Sanktionen mit?

Fischer: Ob die Schulden gegen die Sanktionen aufgewogen werden? Im Moment wäre es reine Spekulation, das zu behaupten.

ZEIT ONLINE: Erst vor Kurzem hat Kanzlerin Angela Merkel Russland Verhandlungen zwischen der EU und der von Russland dominierten Eurasischen Wirtschaftsunion in Aussicht gestellt, falls der Krieg in der Ukraine endet. Ist es eine kluge Strategie, Russland zu locken und zugleich mit schärferen Sanktionen zu drohen?

Fischer: Deutschland und die EU fahren schon seit Monaten eine Doppelstrategie. Einerseits nimmt man Russland gegenüber eine ganz klare Haltung ein, was die Verantwortung für den Krieg in der Ostukraine betrifft; andererseits macht man diplomatische Angebote, um die russische Regierung zum Einlenken zu bewegen. Aus meiner Sicht ist das die richtige Herangehensweise. Leider hat das aber bislang noch nicht gefruchtet.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Auf russischer Seite besteht derzeit kein Interesse an einem Kompromiss mit Deutschland oder der EU
Sabine Fischer

Fischer: Auf russischer Seite besteht derzeit kein Interesse an einem Kompromiss mit Deutschland oder der EU. Man darf aber auch die Rolle der Konfliktparteien vor Ort nicht unterschätzen. Natürlich sind die Rebellen in der Ostukraine vor allem mittel- bis langfristig vollkommen von Russland abhängig. Aber kurzfristig können sie der Außenpolitik des Kremls durchaus in die Quere kommen. Es ist zwar reine Spekulation, aber ich würde nicht ausschließen, dass die Eskalation der vergangenen Woche eine gezielte Reaktion der Rebellen auf eine mögliche Annäherung zwischen Russland und dem Westen ist.

ZEIT ONLINE: Und Wladimir Putin ist vor allem wichtig, durch außenpolitische Kompromisslosigkeit nach innen Stärke zu demonstrieren. Welche Möglichkeiten bleiben der EU überhaupt noch, Russland zu beeinflussen?

Fischer: Die Möglichkeiten der EU sind tatsächlich sehr beschränkt. Die Positionen in diesem Konflikt sind extrem festgefahren. Das gilt vor allem auch für Russland. Putins Handlungsspielraum ist sehr begrenzt, weil er selbst die Ukraine-Krise zur innenpolitischen Legitimation seiner Macht nutzt. Zugleich hat sich Russland in den vergangenen Jahren immer mehr hin zu einem autoritären Staat entwickelt. Das macht den Umgang mit Russland für andere Regierungen extrem schwierig. Jetzt wird spannend, wie sich die ökonomische Krise auf die politischen Entscheidungen des Kremls auswirkt. Das aber ist wegen der intransparenten Entscheidungsprozesse dort kaum vorauszusehen.