Die Schweizer Nationalbank (SNB) hat den vor etwa drei Jahren festgelegten Mindestwechselkurs zum Euro wieder aufgehoben. Das teilte sie in Zürich mit. Der Schweizer Franken bleibe zwar hoch bewertet, aber die Überbewertung habe sich seit Einführung des Mindestkurses im September 2011 insgesamt reduziert, begründete die Zentralbank ihre Entscheidung. Der Kurs des Franken zum Euro stieg augenblicklich, der Schweizer Leitindex verlor so stark wie nie.

Zeitweise brach der Swiss Market Index (SMI) um 14 Prozent ein. Dabei büßten die dort gelisteten Unternehmen zusammen etwa 140 Milliarden Franken an Marktkapitalisierung ein. Das entspricht in etwa der Schweizer Wirtschaftsleistung eines Quartals. Der Aktienumsatz lag schon am Mittag fast vier Mal so hoch wie an einem gesamten Durchschnittstag. Den bisher größten Tagesverlust verzeichnete der SMI mit einem Abschlag von 10,5 Prozent am 16. Oktober 1989. Durch eine Erholung lag das Minus jedoch wieder über dem historischen Wert.

Am Nachmittag wurde ein Euro für nur noch 1,02 Schweizer Franken gehandelt, eine Aufwertung des Franken um gut 15 Prozent. Gegenüber dem US-Dollar gewann der Schweizer Franken gut 14 Prozent. Ein Dollar war damit 0,87 Schweizer Franken wert. Zu Tagesbeginn lag der Wert noch bei 1,02 Franken.

Durch die unerwartete Entscheidung wurde auch der Wechselkurs von Euro zu Dollar stark beeinflusst. Innerhalb weniger Minuten verlor der Euro gegenüber dem US-Dollar zwei Cent und war damit so schwach wie zuletzt im Jahr 2003. Im weiteren Handel wertete der Euro wieder auf. Der Dax, der mit starken Gewinnen in den Handel gestartet war, verlor drei Prozent, als die Entscheidung der SNB bekannt wurde.

Die Nationalbank in Zürich hatte 2011 angesichts eines anhaltenden Hochs des Franken regulierend eingegriffen und den Mindestwechselkurs von 1,20 Franken für einen Euro festgelegt. Diese "außerordentliche und temporäre Maßnahme" habe die Schweizer Wirtschaft vor schwerem Schaden bewahrt, teilte die Nationalbank mit.

SNB-Chef rechtfertigt Entscheidung

Der Chef der Schweizer Nationalbank, Thomas Jordan, verteidigte den Schritt: Ein Festhalten an dem Kursziel hätte auf lange Sicht keinen Sinn ergeben. "Der Ausstieg musste überraschend erfolgen", sagte er. Noch am 5. Januar hatte er den Mindestwechselkurs als absolut zentral bezeichnet.

Die heutige Aufwertung der Währung sieht Jordan als übertrieben, der Markt werde sich auf einem vernünftigen Niveau einpendeln. Die Zinspolitik der SNB könne den Auftrieb des Franken bremsen, sagte er. Als begleitenden Schritt zur Aufgabe des Mindestkurses hat die SNB am Donnerstag den Zins für Bankeinlagen bei der SNB weiter ins Negative gesenkt, um 0,5 Prozentpunkte auf -0,75 Prozent. Mit einem negativen Zins für Kleinsparer rechnet der SNB-Chef aber nicht. Auch eine Deflationsspirale aus stark fallenden Verbraucherpreisen und schrumpfendem Wachstum sei nicht zu erwarten.

Die Angst vor etwas Größerem

Als längst überfällige Entscheidung bewertete der Präsident des Deutschen Wirtschaftsinstituts (DIW), Marcel Fratzscher, die SNB-Entscheidung. Mit der Wechselkurspolitik habe die Zentralbank die Schweizer Exporteure geschützt. "Diese Politik könnte sich jedoch als enorm teurer Fehler erweisen", sagte Fratzscher. Durch die Aufwertung könnten die Verluste auf die Devisenreserven stark steigen.

"Die Entscheidung der SNB hat den Markt völlig überrascht", sagte Jonathan Webb, Devisenexperte von Jefferies Bache. Webb sagte, die Schweizer Nationalbank habe eine weitere Lockerung der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank erwartet. Angesichts der anstehenden Wahlen in Griechenland würde es für die SNB ziemlich schwierig, den bisherigen Mindestkurs von 1,20 Franken für einen Euro aufrecht zu erhalten, sagte Webb.

Chris Beauchamp, Marktanalyst bei IG sagte, die Leute hätten eindeutig Angst, dass etwas Größeres bevorsteht. "Für den Schweizer Markt und die Wirtschaft ist das sehr schlecht, wenn der Franken so rasant steigt und der Euro abstürzt." Sein Kollege von der Helaba, Ulrich Wortberg, sieht die Glaubwürdigkeit der Schweizer Nationalbank beschädigt. Einen neuen Mindestkurs dürfte es seiner Einschätzung nach nicht mehr geben, da die Marktteilnehmer fortan kein Vertrauen mehr hätten, dass dieser auch langfristig gehalten würde.

Die SNB kündigte an, auch künftig bei Bedarf am Devisenmarkt aktiv zu werden.