Alexis Tsipras macht Wahlkampf – nicht für seine Partei Syriza, die sich bei der Parlamentswahl am Sonntag in Griechenland Hoffnungen auf einen Sieg macht, sondern für seine spanischen Brüder im Geiste. Ein Sieg seiner Linksallianz werde auch einen "neuen und hoffnungsvollen Weg" für Spanien eröffnen, schrieb Tsipras am Freitag in einem Beitrag für die spanische Zeitung El País. Im Gegenzug fliegt der neue Star der spanischen Politik, der Vorsitzende der linksgerichteten Podemos-Partei, Pablo Iglesias, an diesem Donnerstag nach Athen. Dort will er seinen Verbündeten in der Endphase des griechischen Wahlkampfs unterstützen.

Tsipras und Iglesias, sind sie Europas Duo infernale? Folgt man der Prognose des Syriza-Chefs, stehen dem Kontinent unruhige Zeiten bevor: "Die Niederlage der politischen Auftraggeber der Sparpolitik, der Unsicherheit, der Korruption und der Skandale beginnt in unseren Ländern." In Umfragen führt die vor nicht einmal einem Jahr gegründete Partei Podemos derzeit mit 28,7 Prozent. Die konservative Partei PP der amtierenden spanischen Regierung kommt nur noch auf Platz drei mit 19,2 Prozent. Dazwischen liegt die sozialistische PSOE.

Allein griechischer Druck auf eine Abkehr von der Sparpolitik und einen Schuldenschnitt wird weder Brüssel noch die internationalen Finanzmärkte in ihren Grundfesten erschüttern. Im Gespann mit der viertgrößten Wirtschaftsmacht der Eurozone sieht das womöglich anders aus. Dafür, meint der Wirtschaftsprofessor und Wissenschaftler der spanischen Sparkassenstiftung Funcas, Santiago Carbó, muss der Senkrechtstarter Iglesias mit seiner Podemos-Partei nicht einmal Siege bei den spanischen Kommunalwahlen im Mai erringen oder bei der Parlamentswahl im Herbst gewinnen. Bereits die Furcht der Regierung vor Stimmenverlusten habe Konsequenzen: "Es besteht das Risiko, dass die Regierung einen populistischen Weg einschlägt und ihre Reformagenda nicht fortführt."

Offiziell gibt sich die konservative PP von Premierminister Mariano Rajoy unbeeindruckt. Die Instabilität in Griechenland nach einem möglichen Wahlsieg Tsipras' werde viele potenzielle Podemos-Wähler abschrecken, heißt es. Syriza werde zudem Tag für Tag vorführen, wie schwierig es ist, die gemachten Versprechen in die Tat umzusetzen.

Auch Rajoy reiste nach Athen

Ein ähnliches Schicksal sagt auch Ökonomieprofessor José Ramón Pin von der IESE Business School Tsipras voraus. "Griechenland braucht in wenigen Monaten neue Kredite. Um sie zu erhalten, kann er nicht hart verhandeln. Also wird er seine Wähler enttäuschen, die ihre Hoffnungen auf ein Ende der kritisierten Sparpolitik fahren sehen", sagt er. Das könnte die spanischen Anhänger von Pablo Iglesias "schnell ernüchtern".

Dass auch Rajoy vorige Woche nach Athen reiste und dort ein Loblied sowohl auf Ministerpräsident Antonis Samaras als auch auf die eigenen Reformerfolge sang, kommt aber nicht von ungefähr. Erstmals seit dem Ende der Franco-Diktatur 1975 müssen PP und auch die sozialistische PSOE davon ausgehen, dass das für sie komfortable System mit zwei starken Parteien, die sich an der Macht abwechseln, Geschichte ist.

Viele Spanier haben die Korruption satt

Mit ihrer Sympathie für Podemos strafen die Spanier nicht nur eine Regierung ab, die vor allem den Einkommensschwachen große Opfer bei der Bekämpfung der Finanzkrise abverlangte. Nach Angaben der OECD gehört Spanien zu den Ländern, in denen sich die Einkommensungleichheit während der Krise am meisten verschärft hat. So büßte das ärmste Zehntel der Spanier 13 Prozent der verfügbaren Einkommen ein. Das reichste Zehntel musste dagegen nur auf 1,4 Prozent verzichten.

Die Spanier haben es auch satt, von Parteien regiert zu werden, deren Mitglieder sich über Jahrzehnte schamlos bereicherten – auch dann noch, als die Krise bereits ihren Höhepunkt erreicht hatte. Mit seiner Rhetorik, die Interessen des einfachen Volkes gegen "die da oben" zu vertreten, die Iglesias abschätzig "Kaste" nennt, kommt der 36-jährige Politikprofessor und Fernsehmoderator an.