Dass ihn kein einfaches Publikum erwarten würde, wusste Lutz Güllner am Dienstagabend schon bevor er in Leverkusen auf die Bühne trat. Zusammen mit Politikern und Wissenschaftlern sollten Vertreter der Generaldirektion Handel der EU-Kommission den aktuellen Stand der Verhandlungen des transatlantischen Freihandelsabkommens zwischen Europa und den Vereinigten Staaten (TTIP) schildern und für Unterstützung für das umstrittene Projekt werben. Zum Bürgerdialog hatte die Europa-Union Deutschland eingeladen. 200 Menschen waren gekommen.

Mit welcher Haltung die meisten von ihnen in die Diskussion gingen, konnte Güllner schon im Foyer des Kommunikationszentrums des Chemiekonzerns Bayer sehen: Dort hatten sie mit roten Klebepunkten markiert, wo auf einer Achse von ganz links, "Risiko", bis ganz rechts, "Chance", sie das Handelsabkommen einordnen würden. Ergebnis: Deutliche mehr Punkte auf der linken Seite. TTIP ist mit großen Risiken verbunden, so die Mehrheitsmeinung.

Das ist in anderen EU-Ländern ähnlich: Gerade hat die EU-Kommission Bilanz nach einer öffentlichen Bürgerbefragung gezogen: Mehr als 150.000 Reaktionen kamen in Brüssel an, hauptsächlich aus Deutschland, Österreich und Großbritannien. Die überwältigende Mehrheit davon war TTIP-kritisch.

Angst vor dem Chlorhühnchen

Anstoß nehmen die Bürger an mehreren Punkten. Zum einen kritisieren sie die mangelnde Transparenz der Verhandlungen. Die Verhandlungsunterlagen waren bis vor Kurzem geheim und wurden erst nach großem öffentlichem Druck zum Teil freigegeben. Ein weiterer Punkt, den die Gegner bemängeln: Europäische Umwelt- und Verbraucherrichtlinien, etwa zu genmanipulierten oder mit Hormonen behandelten Lebensmitteln, könnten verwässert werden. Für die größte Aufregung sorgt derzeit der Investorenschutz, der es ausländischen Unternehmen ermöglichen soll, vor geheim tagenden Schiedsgerichten Staaten auf Schadensersatz für entgangene Gewinne zu verklagen.

Auch in Leverkusen hört man diese Ängste aus dem Publikum: Müssen wir bald alle Chlorhühnchen essen? Werden unsere Medikamente sicher bleiben? Und werden Konzerne die Bundesrepublik vor Schiedsgerichten ausnehmen? Dass sich die Bürger so viele Gedanken um ein Handelsabkommen machen, habe man in Brüssel so nicht erwartet, sagt Lutz Güllner auf dem Podium. Bei früheren Abkommen, zum Beispiel mit Korea, habe es solche Reaktionen nicht gegeben. "Wir waren alle ein bisschen überrascht von diesem intensiven Interesse", sagt der Vertreter der EU-Kommission.

Unter den Gästen in Leverkusen sind viele grauhaarige Männer mit randlosen Brillen. Einer davon ist Manfred Spengler. Viele Jahre hatte er in der Abteilung für Außenwirtschaft im Bundeswirtschaftsministerium gearbeitet, war verantwortlich für Airbus und verhandelte später Verträge mit der Schweiz. Beim Leverkusener Bürgerdialog beteiligt sich Spengler an der Diskussionsrunde "Handel, Investition, Wettbewerb". Damit kennt er sich aus.