Globalisierung ganz konkret, Beispiel Bangladesch: Wenn in Deutschland Kleidung verkauft wird, ist die Chance groß, dass sie aus dem kleinen, dicht besiedelten Land in Südasien stammt. Für die Näherinnen kann ihre Arbeit lebensgefährlich sein, doch die Branche ist unverzichtbar für das Land. Ungefähr ein Achtel der Bevölkerung lebt von ihr, sie schafft ein Zehntel des wirtschaftlichen Produkts. Ob das so bleibt, hängt wesentlich vom Ausland ab – und möglicherweise auch vom Freihandelsabkommen TTIP. Denn Bangladesch webt und näht vor allem für den Export.

Seit Monaten steht TTIP in Deutschland in der Kritik. Wie es aber auf Entwicklungs- und Schwellenländer wirken könnte, war bislang kein Thema in der Debatte. Eine neue Studie soll die Lücke schließen. Geschrieben haben sie Forscher des Ifo-Instituts im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums. Am Mittwoch stellte Ifo-Ökonom Gabriel Felbermayr sie dort in Berlin vor. Im Publikum saßen Bundestagsabgeordnete, Vertreter ausländischer Botschaften und NGO.

Der Hausherr, Minister Gerd Müller, legte die Latte gleich zu Beginn ziemlich hoch: Die Globalisierung müsse fairer und nachhaltiger gestaltet werden als bisher, sagte er. "Wir haben ein Gerechtigkeitsproblem. Die Kluft zwischen Arm und Reich darf nicht weiter auseinandergehen." TTIP pries Müller als "eine große Chance, weltweit ökologische und soziale Mindeststandards zur Grundlage des Handels zu machen". Brigitte Zypries, die als Staatssekretärin des Wirtschaftsministeriums gleich nach dem Minister sprach, sieht das Abkommen ebenso als Beispiel für künftige Handelsverträge: "Wir wollen Standards mit diesem Abkommen setzen", zum Schutz der Umwelt, der Verbraucher und der Arbeiter.

Das umstrittene Freihandelsabkommen als Goldstandard der Globalisierung – so mancher Umweltschützer und Arbeitsrechtler im Saal musste da wohl schwer schlucken.

Im ökonomischen Modell sind die Effekte von TTIP auf Länder, die nicht zum Freihandelsclub gehören, relativ klar: Durch das Abkommen werden EU und USA höchstwahrscheinlich ihre Zölle und andere Handelsbarrieren füreinander senken. Das bringt heimischen Betrieben Preisvorteile, außenstehende Unternehmen aber könnten Marktanteile verlieren. So wie die Textilfirmen aus Bangladesch: Sobald ihre Konkurrenz aus Ost- und Südeuropa wegen TTIP günstiger in die USA exportieren kann, haben sie das Nachsehen.

Andererseits aber gehen die Ifo-Ökonomen davon aus, dass Europa und die USA durch den Freihandel wohlhabender werden – und die Bürger ihr höheres Einkommen dann auch für Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland ausgeben. Zum Beispiel für T-Shirts aus Bangladesch, Reisen nach Südafrika oder Früchte aus Brasilien. Insgesamt würden sich die positiven und negativen Effekte von TTIP auf Bangladesch wohl gegenseitig aufheben, oder das Pro-Kopf-Einkommen dort würde möglicherweise sogar leicht wachsen, schätzt das Forscherteam.

In TTIP geht es aber nicht nur um Zölle. Durch das Abkommen wollen Europa und die USA auch bislang unterschiedliche Standards vereinheitlichen oder zumindest gegenseitig anerkennen. Das erleichtert ihren heimischen Firmen das gegenseitige Geschäft. Wie das auf Unternehmen aus Drittstaaten wirkt, ist nicht ganz klar. Es hängt schlicht davon ab, auf welche Regeln sich EU-Kommission und US-Regierung letztlich einigen.

Das klingt banal, doch in dem Satz liegt das ganze Dilemma der Ifo-Studie. Noch weiß nämlich niemand, wie TTIP am Ende aussehen wird. Deshalb mussten die Ifo-Ökonomen ihre Modelle auf Annahmen stützen, deren Realitätsnähe sich schwer beurteilen lässt. Welche Zölle werden durch TTIP sinken, wie sehr, und welche Handelsbarrieren sollen sonst noch abgebaut werden? Die Antworten sind offen. Studien wie die von Felbermayr können Hinweise darauf geben, wie TTIP sinnvollerweise zu gestalten ist – doch die Ergebnisse, die sie dem Abkommen zusprechen, sollte man mit Vorsicht genießen.