Kunden warten am 16. Januar 2015 in der Schlange vor dem staatlichen Bicentenario-Supermarkt in Caracas. © Federico Parra/AFP/Getty Images

Um elf Uhr morgens brennt die Sonne bereits vom Himmel, aber Endrina González hält sich bloß ein dünnes Zeitungsblatt über den Kopf und erträgt stoisch die Hitze. Bereits seit drei Stunden wartet sie in der Schlange vor dem Lebensmittelladen, um ein Huhn zu kaufen. Ihr Haus liegt ganz in der Nähe, hier im Viertel Santa Cruz del Este in der Hauptstadt Caracas.

Sie wird noch eine Weile warten müssen, denn die Reihe der Wartenden ist sehr lang und wird nur sehr langsam kürzer. Die Leute stehen nicht nur wegen der Hühnchen an: Heute gibt es auch Putzmittel, Margarine und Maismehl für Arepas, eine Art Maisfladen und Basis der Ernährung vieler Venezolaner. González aber geht es um Geflügel. "Natürlich stelle ich mich in die Schlange", sagt sie. "Hier kostet mich das Kilo Huhn nur den staatlich festgesetzten Preis von 40 Bolívares. In den anderen Geschäften zahle ich das Zehnfache."

Seit drei Jahren mangelt es in Venezuela an Grundnahrungsmitteln, Kosmetika und Putzmitteln. Zunächst gab es ein paar Wochen lang keinen Zucker, kein Öl oder keine Milch; dann waren sie doch wieder zu bekommen. Später wurden auch Rindfleisch, Reis, Kaffee, Toilettenpapier und Waschmittel knapp – und die Zeiträume, während derer man auf die Waren warten musste, wurden länger und länger.

Heute ist die Knappheit Alltag. Schwer zu kriegen sind vor allem jene Produkte, deren Preis seit mehr als elf Jahren vom Staat fixiert ist. Es sind Grundnahrungsmittel und andere grundlegende Konsumgüter; Waren also, die vor allem die Armen benötigen.

Bankrotte Betriebe, teure Importe

Das Problem: Seit Jahren decken die staatlichen Preise die Produktionskosten nicht mehr. Die Inflation zog an, Vorprodukte wurden teurer. Aber die Regierung, gefangen in einem selbst erklärten "Sozialismus des 21. Jahrhunderts", weigerte sich, auch die Verbraucherpreise zu erhöhen. Zahlreiche Betriebe wurden so in die Pleite getrieben. Dem Wirtschaftsverband Fedecámaras zufolge schlossen in den vergangenen Jahren mehr als 4.000 Fabriken und 200.000 Geschäfte.

Die Regierung reagierte, indem sie die Importe erhöhte – Venezuela führt bis zu 70 Prozent der im Land verbrauchten Güter ein –, den Wechselkurs unter staatliche Kontrolle stellte und alle möglichen Unternehmen verstaatlichte. Sie enteignete Milchbauern, Hühner- und Rinderzüchter, Zuckerfabriken, Kaffeeröstereien, Maismehlproduzenten und Molkereien, und selbst die sechs Zementfabriken des Landes.

Fast alle dieser Betriebe sind heute geschlossen oder produzieren kaum noch etwas. Die Folgen sind auf den Straßen Venezuelas sichtbar, beispielsweise vor dem Laden in Caracas, wo Endrina González um ein Hühnchen ansteht.

Die staatlichen Sozialprogramme sind teuer. Allein der subventionierte Benzinpreis kostet das Land etwa zwölf Milliarden Dollar pro Jahr. Fast nirgendwo ist Benzin so billig wie in Venezuela: Autofahrer können für etwas weniger als einen Dollar ihren Tank füllen. Zudem blüht in einem Land, in dem sich der Staat überall einmischt, die Korruption. Vor Kurzem verschwanden 25 Milliarden Dollar im staatlich kontrollierten Wechselkurssystem spurlos. Doch so lange venezolanisches Erdöl auf dem Weltmarkt einen stolzen Preis erzielte, brauchte all das die Regierung nicht zu kümmern.

Ein Hühnchen, drei Preise

Im Kern aber funktioniert die Wirtschaft Venezuelas schon lange nicht mehr. In dem Land, das so stark von Importen abhängt, liegen die staatlich kontrollierten Preise deutlich unter jenen, die auf dem internationalen Markt verlangt werden. Ende 2014 stieg die Inflationsrate auf mehr als 60 Prozent – die staatlichen Festpreise zogen nicht mit. Die Nachfrage nach den derart künstlich billig gehaltenen Waren stieg in astronomische Höhen. Auf dem Schwarzmarkt ist der Dollar heute bis zu 30 Mal teuer, als der staatliche Wechselkurs vorgibt. Es ist ein weiteres Zeichen dafür, wie weit die offiziellen Güterpreise neben der Realität liegen.

Zum Beispiel wenn es um das Hühnchen von Endrina González geht: Zum staatlichen Fixpreis von 40 Bolívares und auf Grundlage des offiziellen Wechselkurses entspricht das 6,30 Dollar. Wer keine Zeit hat, Schlange zu stehen und auf dem Schwarzmarkt kaufen muss, zahlt das Zehnfache – und Ausländer, die auf dem Schwarzmarkt Dollar tauschen statt in den offiziellen Wechselstuben, nur einen Bruchteil.

Die Regierung sagt, hinter dem Chaos stecke ein Wirtschaftskrieg imperialistischer und bourgeoiser Kräfte. Konkrete Verantwortliche nennt sie nicht. Es ist eine absurde Erklärung, denn der Staat selbst ist der größte Importeur, er kontrolliert die Lagerhaltung selbst privater Firmen, und er vergibt die Genehmigungen für den Transport der Waren. Wer soll für die Misere verantwortlich sein, wenn nicht die Behörden selbst?